Sonntag, 25. Oktober 2009

Bild 4 — Erwachen


Es ist die Zeit, in der die Nacht schmierige Streifen aus Licht auf ihrem Kleid zeigt und so dem Ende zustimmt, welchem sie sich zuneigt. Noch ist meine Welt von flackerndem Neonlicht erfüllt. Die Farben blitzen auf und verlöschen wieder.
Nach einem nicht benenn-baren Rhythmus wechseln sich einige dieser Leuchtstoffröhren im verlöschen und wiederaufflammen ab. Abwechselnd werde ich in rote, grünes und gelbes Licht getaucht, überschüttet von Lichtkaskaden, die sich in Reklametafeln auf Zahnpastalächeln widerspiegeln. Langsam steige ich die Stufen neben der Rolltreppe empor. Unendlich Kraftlos, wie ich mich jetzt fühle, ist es ein Kampf, ein bewusstes auseinandersetzen mit meinem Körper, aus dem die Psyche als Sieger hervorgehen soll. Nicht der Körper soll es sein, der die Entscheidungen trifft. Ich will es sein. Ich muss es sein um aus dieser labyrinthartigen U-Bahn-Höhle zu entkommen.
In der rechten Hand liegt kalt und beruhigend mein Spraygewehr. Mehrfach schon wurde es in dieser Nacht benutzt. Hinterließ auf kahlen Wänden die Spur, das Zeichen meiner Existenz. Der Beweis des Daseins. Dass, was mich heraushebt aus dem Sumpf meiner Mittelmäßigkeit. Schrieb mit blutig-roter Spur:„Ich bin WIRKLICH!” Immer wieder und immer wieder die gleichen Worte:„Ich bin WIRKLICH!”.
Ich bin wirklich, solange ich Spuren in den Wind der Zeit legen kann. Und meine Spur ist rot. Rot wie Blut.
Die erste rush-hour des Tages erhebt ihr Haupt aus der Finsternis der Nacht. Klappern von Stöckelschuhen neben dem dumpfen Stampfen der Arbeitsstiefel. Türen werden geöffnet, schlagen mit heftigem knallen wieder zu. Hektik liegt in der Luft. Tröpfelt auf uns herab wie Klebstoff.
Alle hetzten durch Türen und Treppen hinunter. Dahinter, hinter dem trüben Staub der sich auf unsere Augen legt, bricht ein neuer, öder, von Routine geprägter Tag an. Wir eilen ihm entgegen. Stürzen uns in ihn hinein. Wollen ihn füllen mit unserer Gegenwart, unserer Person. Leider gelingt uns meist nur die Anwesenheit, nicht das Ausfüllen.
Die letzte Stufe ist erreicht. Mein Kopf ragt schon in den neuen Tag hinein. Ein lauer, nach Benzin und Öl stinkender Luftzug umspielt meine Nase. Streicht die Schleimhäute entlang, erfüllt die Lungen und löst einen heftigen Hustenanfall aus.
Frische Luft schnuppern!
Fast wie von selbst verschwindet das Spraygewehr in der Jackentasche. Die Jäger sind wieder da. Ich bin wieder sichtbar. Nicht mehr durch den Mantel der Nacht geschützt vor verständnislosen und verurteilenden Blicken.
Grauer Dampf steigt aus der Kanalisation empor. Erhebt sich in diese diesige Luft und zerfasert in den von Autos aufgewirbelten Winden. Das Dröhnen und Hämmern der Motoren steigert sich zu einem Crescendo. In den Trommelfellen ruft es eine Resonanz hervor, die Schmerz zum Hirn meldet, der jedoch geflissentlich missachtet wird.
Dies ist eine Welt des Schmerzes, nicht der Freude. Gegeben wird nur, was nicht gewollt ist.
Schleiche durch die Straßen, an Häusern entlang. Betrachte die Auslagen in Geschäften ohne sie zu sehen. Auch hier strahlt mich das wesenlose Neonlicht an, durchdringt meine Panzerung und macht mich durchscheinend.
Erreiche schließlich einen großen Platz der von Menschen gefüllt ist, die scheinbar wild und ziellos herumirren. Alle sind sie sehr in Eile. Sind sehr wichtigen Tätigkeiten auf der Spur. Niemals berühren sie sich. Immer ist ein Ausweichen im letzten Moment festzustellen. Niemand sieht den anderen. Blind wie Fledermäuse verlassen sie sich auf den Instinkt des Getrennt-Seins.
Schaue zum Himmel empor, dessen tiefhängende Wolkendecke die zaghaften Versuche der Sonne vereitelt, Licht herab zu bringen. Der auffrischende Wind bläßt Staub in die Atmosphäre und meine Augen, die ob des in sie dringenden Staubes zu tränen beginnen. So stehe ich, mt Tränen im Gesicht auf diesem Platz und schaue dem Himmel entgegen, ohne ihn sehen zu können.
Der aufgefrischte Wind treibt Unrat und Schmutz über die steinernen Platten, unter denen die Erde versteckt liegt. Während mein Blick dem Himmel zugewendet ist, zentrieren sich meine Augen, fixieren einen Punkt der jenseits des nahen Horizonts liegt. Eine dunkle Masse scheint sich aus dem Nichts in der Luft zu bilden. Etwas festes, bedrohliches bildest sich aus und senkt sich auf die Mitte des Platzes herab. Niemand scheint es zu bemerken. Die Menschen tun so, als wäre nichts in der Luft. Sie folgen weiterhin, völlig unberührt vom Geschehen um sich herum, den Strömungen der Massen.
Selbst als sich dieses schwarze, formlose Gebilde mitten auf den Platz herabsenkt, tun sie so, als ob nichts sei.
Die Menschen, welche in die Masse eintreten verändern sich. Ihre Körper scheinen für einen kurzen Augenblick aufzuflammen um bald darauf als durchscheinendes Schemen, ohne eigene Farbe, in der Schwärze zu verschwinden. Aber niemand nimmt Notiz von dem Geschehen. Nichteinmal jene, die selbst betroffen sind von den Ereignissen.
Auch ich nähere mich, wie so viele, der Schwärze. Mit jedem Schritt den ich mich nähere, wird der Wind, der mir entgegen bläst, stärker. Bald schon muss ich um ein Weiterkommen kämpfen, so stark ist der Sturm geworden, gegen den ich mich stemme. Die sturmartigen Böen hindern mich am Atmen. Ich drehe den Kopf zu Seite um Linderung zu schaffen. Doch ist der Wind aus jeder denkbaren Richtung gleich stark. Das Paradoxe geschieht: ich ersticke an dem, was uns doch das Atmen ermöglichen sollte, an der mich umwehenden Luft! Unklar und verschwommen, wie durch Milchglas zu schauen, verzerrt sich das Bild der Welt, verliert mehr und mehr an Licht, bis schließlich nur noch Dunkelheit ist.
Sinke röchelnd zu Boden. Falle in endlose Tiefen. Trudelnd und taumelnd verliere ich den Ret dessen, was bis dahin mein Bewusstsein auszumachen schien.
Ist das Sterben? Nein, das kann nicht sein ÷ ich habe mich nicht so sehr verändert. Bin immer noch der, der ich war. Die Essenz meines Wesens ist erhalten geblieben. Nicht verloren gegangen durch die Transformation in diesen Zustand.
Befinde ich mich immer noch auf dem Weg? Bin ich zu früh gekommen? Ist der Ort, welcher als Zuflucht dienen soll, noch nicht bereit?
Etwas warmes breitet sich in meinem Magen aus: Fühle mich wie ein Baby, das in den Schlaf gewiegt wird — oder so, als ob ich mein Kind in den Schlaf wiegte. Die Wärme nimmt ihre eigene Farbe an. Wird zu einem strahlenden Rot, welches sich langsam, doch unaufhaltsam durch den ganzen Körper ausbreitet. Schließlich hat sie den ganzen Körper durchdrungen und strahlt durch mich hindurch. Als sie die Grenzen der Physis erreicht hat, scheint das Rot an eine Grenze zu stoßen. An den Außenbereichen, dort wo es nicht weiter zu gehen scheint, wird das Licht intensiver, wird dunkelrot und strahlender, fast blendend. Das Leuchten ist nun in zwei ganz klar unterscheidbare Bereiche getrennt.
Jedoch scheint sich der Ausbreitungseffekt noch nicht totgelaufen zu haben. Weiter und weiter dringt das Strahlen vorwärts. Bildet Ring um Ring. Jeder in einer anderen Farbe. Bis schließlich alle Farben des Spektrums durchlaufen sind. Nun beginnt alles zu pulsieren.
Der Schlag meines Herzens setzt wieder ein, erfüllt mein winziges Universum mit Leben. Bringt auch mich wieder dem näher, was ich ehedem als lebendig wahrnahm.
Die Wahrnehmung ändert sich abrupt. Nicht mehr sehe ich mich umtanzende Farbringe, sondern bin ich von Stalaktiten und Stalagmiten umgeben, die mich wie in einen Käfig einschließen.
Wo bin ich hingeraten?
Von der Plötzlichkeit des Wandels überrascht, knicken mir die Knie ein, so dass ich schwer dem harten und unebenen Boden entgegen stürze. Mit reflexartig vorgestreckten Hönden versuche ich den Aufprall zu bremsen. In jenem Moment, als dieses den Fels spüren sollten, bemerke ich eine klebrige Flüssigkeit, in die sie einsinken. Den Händen folgen die Unterarme, den Armen der ganze Körper. Schließlich bin ich in den flüssigen Fels eingesunken. Sinke tiefer und verliere den letzten Halt.
Fort ist alle Geborgenheit!
Selbst jene tief im Selbst vergrabene Reste des Geborgenseins, die aus den wenigen Augenblicken der Kindheit gerettet wurden, sind nun nicht mehr aufzufinden.
Mein Weg führt hinab in noch nicht ergründete Schluchten der Existenz. Krampfhaft bemühe ich mich die Luft in den Lungen zu bewahren. An den Schläfen beginnen die Adern durch das strömende Blut zu pochen. Ein roter Schleier senkt sich vor den Augen nieder, lässt die letzte Klarheit ins Nirgendwo fliehen. Schmerzhaft krampfen die Lungen zusammen, schreien still nach der Essenz des Lebens.
Noch ist jedoch kein Ausweg aus diesem hoffnungs- und hilflosen Zustand abzusehen. Zuckungen breiten sich im ganzen Körper aus. Durchlaufen ihn aus verschiednen Richtungen gleichzeitig. So sehr sich auch mein Bemühen steigert, wieder in die Höhe steigen zu wollen, ein nicht spürbarer Sog hindert mich am Aufsteigen. Schimmernde Blasen verbrauchter Luft brechen aus dem Mind hervor, bis die innere Leere mich zwingt, die Flüssigkeit anstelle der Luft zu atmen.
Kaum fassbar erscheint die Erleichterung zu sein, als ich den Widerstand aufgebe und mich dem hinwende, was mich umgibt. Vorbei sind die Qualen des Ertrinken, vergessen der Wunsch wieder an die Oberfläche steigen zu wollen. Zu köstlich, zu erfrischend ist die neue Schwere des flüssigen Atmens.
Entspannt gebe ich mich den Strömungen hin. Schwebe hinab in die glimmenden Tiefen. Die Wärme nimmt zu. Bannt alle Kälte aus dem Körper und lässt Wohlfühlen aufkommen.
Ich bin gerettet!
Weiß zwar nicht, was noch kommen wird, bin aber bereit, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Sekunden dehnen sich zu Aeonen. Zeit verliert ihre Gewichtung, kehr zurück in die Niederungen aus denen sie sich ungefragt und ungebeten, alles angreifend und zerstörend hervorgewagt hatte.
Durch die Monotonie des ewigen Abgleitens rutsche ich aus dem Realbewusstsein heraus und gelange in Bereiche, die sich der Beschreibung entziehen wollen.
Bilder flammen auf, zerteilen Szenen in Fragmente, fügen alles wieder in ein neues Muster, welches nicht mehr überschaut werden kann. Brüche im Mosaik meiner Wahrnehmung erscheinen wie Wunden aus denen grüner Eiter quillt.
Diese Teile sind es, die noch fehlen, die ausgefüllt werden müssen, um aus meinem fragmentarischen Leben ein Ganzes machen zu können.
Wie soll das geschehen?
Blitzartig erhellen sich die Möglichkeiten eines ausgefüllten Seins. Lassen es jedoch nicht zu, dass sie gefasst oder erfasst werden.
Sehnsucht - der Wunsch nach komplett-sein zermürbt die Seele. Allein es wird kein Weg gezeigt, der begehbar wäre um dieses Ziel zu erreichen.
Wieder flammt eine Szene auf. Bilder sammeln sich. Lassen mich eintreten ins Geschehen..
..ein großer, schwarz ausgekleideter Raum tut sich auf. An der Decke sind massive, wirre Gestänge montiert, die keinem meiner Muster folgen zu wollen scheinen. Unregelmäßig sind große Scheinwerfer am Gestänge angebracht und verbreiten ein diffuses, Schatten gebärendes Licht. Am Boden ist durch die dort liegenden Gitterroste, kein Grund zu erkennen. Auf den Rosten liegt wirr zerstreut, Unrat herum. Tiefe Schattenlöscher zerreissen die merkwürdige Landschaft. Brechen ungewohnte Fenster zur Unendlichkeit auf.
Lange verharrt mein Blick auf diesem Bild, ohne es zur Gänze ausloten zu können.
Wie mit Druck hervor gepresst, schießen Nebelschwaden aus nicht gesehenen Öffnungen und breiten sich, durch ihr eigenes Gewicht am hoch schweben gehindert, nahe dem Boden aus.
Versteckt in einer Schattenhöhle, auf zerbrochenen Stuhlresten kauernd, schält sich Umrisshaft die Ahnung einer menschliche  Gestalt heraus. Regungslos verharrt sie in einer Weise, die vermuten lässt, das Leben sei aus diesem Wesen gewichen und habe nur eine erstarrte, erkaltete Form zurückgelassen, die keine Gegenwart verbreiten mag.
Langsam und zögernd, behutsam Fuß vor Fuß setzend, nähert sich mein Körper dem Unratgebilde, in welchem die Gestalt verborgen zu sein scheint. Mit jedem Zentimeter um den die Distanz reduziert wird, bilden sich wirre Haufen und Konturen aus. Materialisieren sich zu greif- und berührbaren Gegenständen, die sich jedoch einer Benennung entziehen. Auch dieser Schattenriss eines Menschen wird realisierbar, nimmt Formen und Farben an, lässt Bewegung und näher sich der Welt des Lebendigen.
Träge und wie einen starken inneren Widerstand niederkämpfend, hebt sich in maschinenhafter Regelmäßigkeit der Brustkorb des Mannes, der in der Abgeschiedenheit der Finsternis verharrt. Graues, unfrisiertes Haar bedeckt einen Kopf, der ein der Welt entrücktes Gesicht trägt.
„Ich wollte es nicht, aber was sollte ich tun? Es war – es ist immer noch meine Aufgabe die Ordnung in diesen Bereichen aufrecht zu erhalten.” Unmotiviert und durch das hier vorhandene Chaos Lügen gestraft, brechen diese, mir sinnlos erscheinenden Worte aus dem Mund des des sitzenden Mannes hervor. Durch die Plötzlichkeit mit der diese Worte mir entgegen geschleudert werden, auf das heftigste erschrocken, bin ich nicht fähig, die Bewegung in welcher ich mich befinde, zu beenden.
„Treten Sie näher! Treten Sie doch näher!”, lädt mich der zum Leben erwachte ein. Aus der Brusttasche seines verschmutzten Smokings zieht er ein löchriges Seidentuch und wischt ohne Erfolg auf der Sitzfläche eines schmutzigen Schemels herum.
„Nehmen Sie Platz”, seine feingliedrige Hand deutet auf den Schemel, „fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.” Unsicher lächelnd blickt er mich aus wässrig-blauen Augen an. Unwillkürlich fühle ich mich an einen Spaniel erinnert, der bettelnd zu einem gedeckten Tisch aufschaut.
Um nicht unhöflich zu erscheinen, stolpere ich durch den Müll der angebotenen Sitzgelegenheit entgegen.
„Danke”, flüstere ich beim hinsetzen.
„Sie sind noch nicht lange hier!”, stellt mein Gegenüber fest.
„Noch ist Ihnen keine Aufgabe zugewiesen worden.”
„Nein”, erwidere ich, „mir ist keine Aufgabe zugewiesen worden. Ich ahne auch nicht, dass ich eine Aufgabe zu erfüllen habe.”
„Jeder hat eine Aufgabe. Jeder hat ein Ziel!” Fast schreit er mich an. Er beugt sich vor, bis sich unsere Gesichter fast berühren. Sein warmer, nach etwas undefinierbarem riechender Atem streicht mir über die Haut.
„Schauen Sie sich um, – na los, schauen Sie sich um. Was glauben Sie, ist meine Aufgabe zwischen all dem Müll und Gerümpel, das Sie hier sehen? Na? Na? — sagen Sie schon!”
Durch die Heftigkeit mit der diese Worte hervorgestossen werden, stark verunsichert, lasse ich meinen Blick mal hierhin, mal dorthin fallen. Stockend formen sich Worte in mir, die angesichts der Dramatik die alles hier erfüllt, schwach und leer wirken, antworte ich:„Keine Ahnung -- sagen Sie es mir.”
„Sehen Sie es denn nicht?”, zu einem Flüstern ist seine Stimme herabgesunken. Wie ein Verschwörer schaut er sich um:„Veränderung!”
„Was?”
„Veränderung! Wandel! Alles umkrempeln! Ordnung schaffen, das ist es, was getan werden mus. Verstehen Sie jetzt?”
„Ähm äh, — eigentlich nicht.”
Einen bekümmerten Seufzer ausstoßend, schüttelt er resignierend den Kopf: „Alles hier muss geordnet, sortiert, katalogisiert werden. Eine harte und aufreibende Arbeit. Das können Sie mir glauben.”
Sein erwartungsvoller Blick ruht auf mir: „Ja und warum sieht es denn hier so unordentlich aus? Haben Sie noch nicht angefangen? Oder sind Sie auch noch nicht lange hier?”
Empörung bildet sich in seinen Augen: „Noch nicht lange hier? –– Ich bin schon länger hier, als das Sie unter den Lebenden weilen.” Mit dem rechten Arm eine fahrige, unbestimmte Bewegung ausführend, so als wole er alles umfassen, fährt es schulmeisternd fort: „Wo soll ich denn anfangen bitteschön? Nach welchem System soll vorgegangen werden? So was erfordert eine gründliche und eingehende Planung. Man kann nicht einfach anfangen zu tun –– ganz ohne Plan.”
„Nun ja”, stottere ich, „nein, ja – ich weiß nicht. Haben Sie sich denn schon einen Plan zurechtgelegt?”
„Ha! Einen Plan? Einen Plan?”, er ist erregt, schlägt sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, was ein lautes Geräusch verursacht, „nein, nicht einen Plan habe ich gemacht, junger Mann, hunderte, wenn nicht sogar tausende von Plänen sind in meinem Hirn entstanden und harrten einer Ausführung. Nur ist nie”, Tränen bilden sich in seinen Augen und seine Stimme ist durch ein unterdrücktes Schluchzten erstickt –– er schüttelt mit einer unwilligen Gebärde die ihn überschwemmenden Gefühle ab, „...nur wird es nie eine Ausführung geben.”
Fragend ruht mein Blick auf ihm und eine lange, von quälender Stille gefüllte Pause stellt sich ein.
Das uns umgebende unsichere Licht scheint für einen Moment ganz verlöschen zu wollen. Doch nach einigem Flackern stabilisiert es sich wieder, wenn auch auf einem etwas niedrigerem Niveau. Ich räuspere mich, um aus dem drückenden Schweigen einen Ausweg zu finden: „Ähm, hmm ––– was ist es, das sie an der Ausführung Ihrer Pläne hindert?”, frage ich, um ihn zu trösten, denn ein Interesse ist in mir für seine Pläne und Schwierigkeiten nicht vorhanden. Mich interessiert viel mehr, was dies hier für ein Ort ist und was sein Zweck sein mag.
„Was mich an der Ausführung meiner Pläne hindert wollen Sie wissen? Wissen Sie denn nicht, wo Sie sind? Was dies für ein Ort ist?” Unvermittelt springt er auf, legt seine feinen Hände auf meine Schultern und sieht mich sehr intensiv an.
„Nein”, entscheidet er schließlich, „Sie wissen es wirklich nicht. Vielleicht ist dies Ihre Aufgabe. Ja, ich bin ganz sicher. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, wo Sie sind.” Halb wendet er sich ab: „Ich beneide Sie nicht um diese Aufgabe. Weiß Gott nicht. Aber ich will Ihnen helfen mein Junge. Schauen Sie:” zielstrebig schreitet er auf den nächsten Gerümpelhaufen zu, beginnt methodisch die dort liegenden Gegenstände zu ordnen und zu sortieren. Kaum sind jedoch einige wenige Teile geordnet, als mit einem gewaltigen Poltern ganze Lawinen Unrat aus dem Gestänge herabstürzen und nicht nur die ganze Arbeit des Alten zu Nichte machen, sondern das Chaos und die Unordnung in einem Maße anwachsen lassen, das sich vorher nicht vorgestellt werden konnte.
„So ist es jedes mal — und jedes mal wird es schlimmer.”, sagt er. „Vielleicht hat Ihnen diese Demonstration die Augen geöffnet. Vielleicht auch nicht.”
Er setzt sich wieder auf seinen kaputten Stuhl. Schaut noch einmal herüber. Winkt grüßend mit der Hand und sagt: „Gehen Sie jetzt. Gehen Sie! Es war nett, Sie kennen gelernt zu haben.”
Das Licht dimmt herab, bis keine Einzelheiten mehr erkennbar sind. Mein Blick wird wieder unklar und ich sinke tiefer... .
..gleich der letzten noch unzerstörten Planke eines geborstenen Schiffes, treibe ich weiter. Neuen Begebenheiten entgegen, die noch nicht einordbar sind.
Wird die Hoffnung auf ein Ausfüllen der leeren Stellen sich verwirklichen oder renne ich einem Traumgespinnst nach?
Irgendwann und irgendwo wird es sein, dass ich mir diese Frage beantworten kann.
Es ist noch nicht erreicht — vielleicht wird es nie erreicht werden.
Da eine Antwort auf diese Frage nicht gegeben werden kann, entferne ich mich von diesem müßigen Gedanken und versuche wieder die gegenwärtige Situation als Bestandteil der Wahrnehmung einzubeziehen.
In einem diffusen Dämmerlicht eingebettet, kreuze ich durch die Nacht. Bin in einem Gefühl befangen, welches mir Möglichkeiten zu eröffnen scheint, die ich nur noch zu greifen brauche um zu wissen. Was immer es auch sein mag, dieses Wissen. Was auch sein Inhalt und seine Bedeutung sein mag, es ist gleich. Wichtig ist nur, endlich nicht mehr haltlos und blind durch die Künstlichkeit meines Leben zu stolpern.
Durch diese Gefühl wird aber gleichzeitig eine Traurigkeit und Unruhe ausgelöst, die sich nach einem gegenüber sehnt, dem mitgeteilt werden kann, was an Resonanzen im innern meiner Seele ausgelöst worden ist.
Dieses Gegenüber zu finden, soll das Ziel sein, welches ich mir selbt setzte. Auch wenn ich tief im innern weiß: der Alte hatte recht, als es sagte, ich müsse herausfinden wo ich bin, was mich bewegt und was mich am lben hält-
Im ersten Moment schien mir die Welt des Alten eine, oder gar die Hölle zu sein. Doch immer wieder, wenn diese Szenen in mir Revue passieren, wird klarer, nicht ein großes Ziel ist es, was uns treibt... es sollte das Erkennen und das Erleben der Details sein.
Fange ein großes Werk an. Auch wenn es keine Möglichkeit gibt, es zu realisieren. Finde dann die Kraft weiter zu machen in den kleinen Erfolgen und unerwarteten Freuden.
Nur sie, wird mir klar, können die Stärke wecken, die notwendig ist um erreichen zu können, was Unerreichbar zu sein scheint.
Der Frieden und die Ruhe, die durch diesen Gedanken ausgelöst werden, entziehen sich jeder Beschreibung. Immer noch treibe ich durch einen nicht fassbaren Kosmos. Doch kann ich den Kampf nun aufnehmen und erfahren, was mir diese Welt mitteilen will.
Die Augen sind offen, – meine Ohren sind geöffnet – ich nehme wahr!

© 1990 FSH

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Ich bin ein enthusiastischer Misantrop und Agniologe.