Sonntag, 25. Oktober 2009

Bild 4 — Erwachen


Es ist die Zeit, in der die Nacht schmierige Streifen aus Licht auf ihrem Kleid zeigt und so dem Ende zustimmt, welchem sie sich zuneigt. Noch ist meine Welt von flackerndem Neonlicht erfüllt. Die Farben blitzen auf und verlöschen wieder.
Nach einem nicht benenn-baren Rhythmus wechseln sich einige dieser Leuchtstoffröhren im verlöschen und wiederaufflammen ab. Abwechselnd werde ich in rote, grünes und gelbes Licht getaucht, überschüttet von Lichtkaskaden, die sich in Reklametafeln auf Zahnpastalächeln widerspiegeln. Langsam steige ich die Stufen neben der Rolltreppe empor. Unendlich Kraftlos, wie ich mich jetzt fühle, ist es ein Kampf, ein bewusstes auseinandersetzen mit meinem Körper, aus dem die Psyche als Sieger hervorgehen soll. Nicht der Körper soll es sein, der die Entscheidungen trifft. Ich will es sein. Ich muss es sein um aus dieser labyrinthartigen U-Bahn-Höhle zu entkommen.
In der rechten Hand liegt kalt und beruhigend mein Spraygewehr. Mehrfach schon wurde es in dieser Nacht benutzt. Hinterließ auf kahlen Wänden die Spur, das Zeichen meiner Existenz. Der Beweis des Daseins. Dass, was mich heraushebt aus dem Sumpf meiner Mittelmäßigkeit. Schrieb mit blutig-roter Spur:„Ich bin WIRKLICH!” Immer wieder und immer wieder die gleichen Worte:„Ich bin WIRKLICH!”.
Ich bin wirklich, solange ich Spuren in den Wind der Zeit legen kann. Und meine Spur ist rot. Rot wie Blut.
Die erste rush-hour des Tages erhebt ihr Haupt aus der Finsternis der Nacht. Klappern von Stöckelschuhen neben dem dumpfen Stampfen der Arbeitsstiefel. Türen werden geöffnet, schlagen mit heftigem knallen wieder zu. Hektik liegt in der Luft. Tröpfelt auf uns herab wie Klebstoff.
Alle hetzten durch Türen und Treppen hinunter. Dahinter, hinter dem trüben Staub der sich auf unsere Augen legt, bricht ein neuer, öder, von Routine geprägter Tag an. Wir eilen ihm entgegen. Stürzen uns in ihn hinein. Wollen ihn füllen mit unserer Gegenwart, unserer Person. Leider gelingt uns meist nur die Anwesenheit, nicht das Ausfüllen.
Die letzte Stufe ist erreicht. Mein Kopf ragt schon in den neuen Tag hinein. Ein lauer, nach Benzin und Öl stinkender Luftzug umspielt meine Nase. Streicht die Schleimhäute entlang, erfüllt die Lungen und löst einen heftigen Hustenanfall aus.
Frische Luft schnuppern!
Fast wie von selbst verschwindet das Spraygewehr in der Jackentasche. Die Jäger sind wieder da. Ich bin wieder sichtbar. Nicht mehr durch den Mantel der Nacht geschützt vor verständnislosen und verurteilenden Blicken.
Grauer Dampf steigt aus der Kanalisation empor. Erhebt sich in diese diesige Luft und zerfasert in den von Autos aufgewirbelten Winden. Das Dröhnen und Hämmern der Motoren steigert sich zu einem Crescendo. In den Trommelfellen ruft es eine Resonanz hervor, die Schmerz zum Hirn meldet, der jedoch geflissentlich missachtet wird.
Dies ist eine Welt des Schmerzes, nicht der Freude. Gegeben wird nur, was nicht gewollt ist.
Schleiche durch die Straßen, an Häusern entlang. Betrachte die Auslagen in Geschäften ohne sie zu sehen. Auch hier strahlt mich das wesenlose Neonlicht an, durchdringt meine Panzerung und macht mich durchscheinend.
Erreiche schließlich einen großen Platz der von Menschen gefüllt ist, die scheinbar wild und ziellos herumirren. Alle sind sie sehr in Eile. Sind sehr wichtigen Tätigkeiten auf der Spur. Niemals berühren sie sich. Immer ist ein Ausweichen im letzten Moment festzustellen. Niemand sieht den anderen. Blind wie Fledermäuse verlassen sie sich auf den Instinkt des Getrennt-Seins.
Schaue zum Himmel empor, dessen tiefhängende Wolkendecke die zaghaften Versuche der Sonne vereitelt, Licht herab zu bringen. Der auffrischende Wind bläßt Staub in die Atmosphäre und meine Augen, die ob des in sie dringenden Staubes zu tränen beginnen. So stehe ich, mt Tränen im Gesicht auf diesem Platz und schaue dem Himmel entgegen, ohne ihn sehen zu können.
Der aufgefrischte Wind treibt Unrat und Schmutz über die steinernen Platten, unter denen die Erde versteckt liegt. Während mein Blick dem Himmel zugewendet ist, zentrieren sich meine Augen, fixieren einen Punkt der jenseits des nahen Horizonts liegt. Eine dunkle Masse scheint sich aus dem Nichts in der Luft zu bilden. Etwas festes, bedrohliches bildest sich aus und senkt sich auf die Mitte des Platzes herab. Niemand scheint es zu bemerken. Die Menschen tun so, als wäre nichts in der Luft. Sie folgen weiterhin, völlig unberührt vom Geschehen um sich herum, den Strömungen der Massen.
Selbst als sich dieses schwarze, formlose Gebilde mitten auf den Platz herabsenkt, tun sie so, als ob nichts sei.
Die Menschen, welche in die Masse eintreten verändern sich. Ihre Körper scheinen für einen kurzen Augenblick aufzuflammen um bald darauf als durchscheinendes Schemen, ohne eigene Farbe, in der Schwärze zu verschwinden. Aber niemand nimmt Notiz von dem Geschehen. Nichteinmal jene, die selbst betroffen sind von den Ereignissen.
Auch ich nähere mich, wie so viele, der Schwärze. Mit jedem Schritt den ich mich nähere, wird der Wind, der mir entgegen bläst, stärker. Bald schon muss ich um ein Weiterkommen kämpfen, so stark ist der Sturm geworden, gegen den ich mich stemme. Die sturmartigen Böen hindern mich am Atmen. Ich drehe den Kopf zu Seite um Linderung zu schaffen. Doch ist der Wind aus jeder denkbaren Richtung gleich stark. Das Paradoxe geschieht: ich ersticke an dem, was uns doch das Atmen ermöglichen sollte, an der mich umwehenden Luft! Unklar und verschwommen, wie durch Milchglas zu schauen, verzerrt sich das Bild der Welt, verliert mehr und mehr an Licht, bis schließlich nur noch Dunkelheit ist.
Sinke röchelnd zu Boden. Falle in endlose Tiefen. Trudelnd und taumelnd verliere ich den Ret dessen, was bis dahin mein Bewusstsein auszumachen schien.
Ist das Sterben? Nein, das kann nicht sein ÷ ich habe mich nicht so sehr verändert. Bin immer noch der, der ich war. Die Essenz meines Wesens ist erhalten geblieben. Nicht verloren gegangen durch die Transformation in diesen Zustand.
Befinde ich mich immer noch auf dem Weg? Bin ich zu früh gekommen? Ist der Ort, welcher als Zuflucht dienen soll, noch nicht bereit?
Etwas warmes breitet sich in meinem Magen aus: Fühle mich wie ein Baby, das in den Schlaf gewiegt wird — oder so, als ob ich mein Kind in den Schlaf wiegte. Die Wärme nimmt ihre eigene Farbe an. Wird zu einem strahlenden Rot, welches sich langsam, doch unaufhaltsam durch den ganzen Körper ausbreitet. Schließlich hat sie den ganzen Körper durchdrungen und strahlt durch mich hindurch. Als sie die Grenzen der Physis erreicht hat, scheint das Rot an eine Grenze zu stoßen. An den Außenbereichen, dort wo es nicht weiter zu gehen scheint, wird das Licht intensiver, wird dunkelrot und strahlender, fast blendend. Das Leuchten ist nun in zwei ganz klar unterscheidbare Bereiche getrennt.
Jedoch scheint sich der Ausbreitungseffekt noch nicht totgelaufen zu haben. Weiter und weiter dringt das Strahlen vorwärts. Bildet Ring um Ring. Jeder in einer anderen Farbe. Bis schließlich alle Farben des Spektrums durchlaufen sind. Nun beginnt alles zu pulsieren.
Der Schlag meines Herzens setzt wieder ein, erfüllt mein winziges Universum mit Leben. Bringt auch mich wieder dem näher, was ich ehedem als lebendig wahrnahm.
Die Wahrnehmung ändert sich abrupt. Nicht mehr sehe ich mich umtanzende Farbringe, sondern bin ich von Stalaktiten und Stalagmiten umgeben, die mich wie in einen Käfig einschließen.
Wo bin ich hingeraten?
Von der Plötzlichkeit des Wandels überrascht, knicken mir die Knie ein, so dass ich schwer dem harten und unebenen Boden entgegen stürze. Mit reflexartig vorgestreckten Hönden versuche ich den Aufprall zu bremsen. In jenem Moment, als dieses den Fels spüren sollten, bemerke ich eine klebrige Flüssigkeit, in die sie einsinken. Den Händen folgen die Unterarme, den Armen der ganze Körper. Schließlich bin ich in den flüssigen Fels eingesunken. Sinke tiefer und verliere den letzten Halt.
Fort ist alle Geborgenheit!
Selbst jene tief im Selbst vergrabene Reste des Geborgenseins, die aus den wenigen Augenblicken der Kindheit gerettet wurden, sind nun nicht mehr aufzufinden.
Mein Weg führt hinab in noch nicht ergründete Schluchten der Existenz. Krampfhaft bemühe ich mich die Luft in den Lungen zu bewahren. An den Schläfen beginnen die Adern durch das strömende Blut zu pochen. Ein roter Schleier senkt sich vor den Augen nieder, lässt die letzte Klarheit ins Nirgendwo fliehen. Schmerzhaft krampfen die Lungen zusammen, schreien still nach der Essenz des Lebens.
Noch ist jedoch kein Ausweg aus diesem hoffnungs- und hilflosen Zustand abzusehen. Zuckungen breiten sich im ganzen Körper aus. Durchlaufen ihn aus verschiednen Richtungen gleichzeitig. So sehr sich auch mein Bemühen steigert, wieder in die Höhe steigen zu wollen, ein nicht spürbarer Sog hindert mich am Aufsteigen. Schimmernde Blasen verbrauchter Luft brechen aus dem Mind hervor, bis die innere Leere mich zwingt, die Flüssigkeit anstelle der Luft zu atmen.
Kaum fassbar erscheint die Erleichterung zu sein, als ich den Widerstand aufgebe und mich dem hinwende, was mich umgibt. Vorbei sind die Qualen des Ertrinken, vergessen der Wunsch wieder an die Oberfläche steigen zu wollen. Zu köstlich, zu erfrischend ist die neue Schwere des flüssigen Atmens.
Entspannt gebe ich mich den Strömungen hin. Schwebe hinab in die glimmenden Tiefen. Die Wärme nimmt zu. Bannt alle Kälte aus dem Körper und lässt Wohlfühlen aufkommen.
Ich bin gerettet!
Weiß zwar nicht, was noch kommen wird, bin aber bereit, mich auf dieses Abenteuer einzulassen. Sekunden dehnen sich zu Aeonen. Zeit verliert ihre Gewichtung, kehr zurück in die Niederungen aus denen sie sich ungefragt und ungebeten, alles angreifend und zerstörend hervorgewagt hatte.
Durch die Monotonie des ewigen Abgleitens rutsche ich aus dem Realbewusstsein heraus und gelange in Bereiche, die sich der Beschreibung entziehen wollen.
Bilder flammen auf, zerteilen Szenen in Fragmente, fügen alles wieder in ein neues Muster, welches nicht mehr überschaut werden kann. Brüche im Mosaik meiner Wahrnehmung erscheinen wie Wunden aus denen grüner Eiter quillt.
Diese Teile sind es, die noch fehlen, die ausgefüllt werden müssen, um aus meinem fragmentarischen Leben ein Ganzes machen zu können.
Wie soll das geschehen?
Blitzartig erhellen sich die Möglichkeiten eines ausgefüllten Seins. Lassen es jedoch nicht zu, dass sie gefasst oder erfasst werden.
Sehnsucht - der Wunsch nach komplett-sein zermürbt die Seele. Allein es wird kein Weg gezeigt, der begehbar wäre um dieses Ziel zu erreichen.
Wieder flammt eine Szene auf. Bilder sammeln sich. Lassen mich eintreten ins Geschehen..
..ein großer, schwarz ausgekleideter Raum tut sich auf. An der Decke sind massive, wirre Gestänge montiert, die keinem meiner Muster folgen zu wollen scheinen. Unregelmäßig sind große Scheinwerfer am Gestänge angebracht und verbreiten ein diffuses, Schatten gebärendes Licht. Am Boden ist durch die dort liegenden Gitterroste, kein Grund zu erkennen. Auf den Rosten liegt wirr zerstreut, Unrat herum. Tiefe Schattenlöscher zerreissen die merkwürdige Landschaft. Brechen ungewohnte Fenster zur Unendlichkeit auf.
Lange verharrt mein Blick auf diesem Bild, ohne es zur Gänze ausloten zu können.
Wie mit Druck hervor gepresst, schießen Nebelschwaden aus nicht gesehenen Öffnungen und breiten sich, durch ihr eigenes Gewicht am hoch schweben gehindert, nahe dem Boden aus.
Versteckt in einer Schattenhöhle, auf zerbrochenen Stuhlresten kauernd, schält sich Umrisshaft die Ahnung einer menschliche  Gestalt heraus. Regungslos verharrt sie in einer Weise, die vermuten lässt, das Leben sei aus diesem Wesen gewichen und habe nur eine erstarrte, erkaltete Form zurückgelassen, die keine Gegenwart verbreiten mag.
Langsam und zögernd, behutsam Fuß vor Fuß setzend, nähert sich mein Körper dem Unratgebilde, in welchem die Gestalt verborgen zu sein scheint. Mit jedem Zentimeter um den die Distanz reduziert wird, bilden sich wirre Haufen und Konturen aus. Materialisieren sich zu greif- und berührbaren Gegenständen, die sich jedoch einer Benennung entziehen. Auch dieser Schattenriss eines Menschen wird realisierbar, nimmt Formen und Farben an, lässt Bewegung und näher sich der Welt des Lebendigen.
Träge und wie einen starken inneren Widerstand niederkämpfend, hebt sich in maschinenhafter Regelmäßigkeit der Brustkorb des Mannes, der in der Abgeschiedenheit der Finsternis verharrt. Graues, unfrisiertes Haar bedeckt einen Kopf, der ein der Welt entrücktes Gesicht trägt.
„Ich wollte es nicht, aber was sollte ich tun? Es war – es ist immer noch meine Aufgabe die Ordnung in diesen Bereichen aufrecht zu erhalten.” Unmotiviert und durch das hier vorhandene Chaos Lügen gestraft, brechen diese, mir sinnlos erscheinenden Worte aus dem Mund des des sitzenden Mannes hervor. Durch die Plötzlichkeit mit der diese Worte mir entgegen geschleudert werden, auf das heftigste erschrocken, bin ich nicht fähig, die Bewegung in welcher ich mich befinde, zu beenden.
„Treten Sie näher! Treten Sie doch näher!”, lädt mich der zum Leben erwachte ein. Aus der Brusttasche seines verschmutzten Smokings zieht er ein löchriges Seidentuch und wischt ohne Erfolg auf der Sitzfläche eines schmutzigen Schemels herum.
„Nehmen Sie Platz”, seine feingliedrige Hand deutet auf den Schemel, „fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.” Unsicher lächelnd blickt er mich aus wässrig-blauen Augen an. Unwillkürlich fühle ich mich an einen Spaniel erinnert, der bettelnd zu einem gedeckten Tisch aufschaut.
Um nicht unhöflich zu erscheinen, stolpere ich durch den Müll der angebotenen Sitzgelegenheit entgegen.
„Danke”, flüstere ich beim hinsetzen.
„Sie sind noch nicht lange hier!”, stellt mein Gegenüber fest.
„Noch ist Ihnen keine Aufgabe zugewiesen worden.”
„Nein”, erwidere ich, „mir ist keine Aufgabe zugewiesen worden. Ich ahne auch nicht, dass ich eine Aufgabe zu erfüllen habe.”
„Jeder hat eine Aufgabe. Jeder hat ein Ziel!” Fast schreit er mich an. Er beugt sich vor, bis sich unsere Gesichter fast berühren. Sein warmer, nach etwas undefinierbarem riechender Atem streicht mir über die Haut.
„Schauen Sie sich um, – na los, schauen Sie sich um. Was glauben Sie, ist meine Aufgabe zwischen all dem Müll und Gerümpel, das Sie hier sehen? Na? Na? — sagen Sie schon!”
Durch die Heftigkeit mit der diese Worte hervorgestossen werden, stark verunsichert, lasse ich meinen Blick mal hierhin, mal dorthin fallen. Stockend formen sich Worte in mir, die angesichts der Dramatik die alles hier erfüllt, schwach und leer wirken, antworte ich:„Keine Ahnung -- sagen Sie es mir.”
„Sehen Sie es denn nicht?”, zu einem Flüstern ist seine Stimme herabgesunken. Wie ein Verschwörer schaut er sich um:„Veränderung!”
„Was?”
„Veränderung! Wandel! Alles umkrempeln! Ordnung schaffen, das ist es, was getan werden mus. Verstehen Sie jetzt?”
„Ähm äh, — eigentlich nicht.”
Einen bekümmerten Seufzer ausstoßend, schüttelt er resignierend den Kopf: „Alles hier muss geordnet, sortiert, katalogisiert werden. Eine harte und aufreibende Arbeit. Das können Sie mir glauben.”
Sein erwartungsvoller Blick ruht auf mir: „Ja und warum sieht es denn hier so unordentlich aus? Haben Sie noch nicht angefangen? Oder sind Sie auch noch nicht lange hier?”
Empörung bildet sich in seinen Augen: „Noch nicht lange hier? –– Ich bin schon länger hier, als das Sie unter den Lebenden weilen.” Mit dem rechten Arm eine fahrige, unbestimmte Bewegung ausführend, so als wole er alles umfassen, fährt es schulmeisternd fort: „Wo soll ich denn anfangen bitteschön? Nach welchem System soll vorgegangen werden? So was erfordert eine gründliche und eingehende Planung. Man kann nicht einfach anfangen zu tun –– ganz ohne Plan.”
„Nun ja”, stottere ich, „nein, ja – ich weiß nicht. Haben Sie sich denn schon einen Plan zurechtgelegt?”
„Ha! Einen Plan? Einen Plan?”, er ist erregt, schlägt sich mit beiden Händen auf die Oberschenkel, was ein lautes Geräusch verursacht, „nein, nicht einen Plan habe ich gemacht, junger Mann, hunderte, wenn nicht sogar tausende von Plänen sind in meinem Hirn entstanden und harrten einer Ausführung. Nur ist nie”, Tränen bilden sich in seinen Augen und seine Stimme ist durch ein unterdrücktes Schluchzten erstickt –– er schüttelt mit einer unwilligen Gebärde die ihn überschwemmenden Gefühle ab, „...nur wird es nie eine Ausführung geben.”
Fragend ruht mein Blick auf ihm und eine lange, von quälender Stille gefüllte Pause stellt sich ein.
Das uns umgebende unsichere Licht scheint für einen Moment ganz verlöschen zu wollen. Doch nach einigem Flackern stabilisiert es sich wieder, wenn auch auf einem etwas niedrigerem Niveau. Ich räuspere mich, um aus dem drückenden Schweigen einen Ausweg zu finden: „Ähm, hmm ––– was ist es, das sie an der Ausführung Ihrer Pläne hindert?”, frage ich, um ihn zu trösten, denn ein Interesse ist in mir für seine Pläne und Schwierigkeiten nicht vorhanden. Mich interessiert viel mehr, was dies hier für ein Ort ist und was sein Zweck sein mag.
„Was mich an der Ausführung meiner Pläne hindert wollen Sie wissen? Wissen Sie denn nicht, wo Sie sind? Was dies für ein Ort ist?” Unvermittelt springt er auf, legt seine feinen Hände auf meine Schultern und sieht mich sehr intensiv an.
„Nein”, entscheidet er schließlich, „Sie wissen es wirklich nicht. Vielleicht ist dies Ihre Aufgabe. Ja, ich bin ganz sicher. Ihre Aufgabe ist es, herauszufinden, wo Sie sind.” Halb wendet er sich ab: „Ich beneide Sie nicht um diese Aufgabe. Weiß Gott nicht. Aber ich will Ihnen helfen mein Junge. Schauen Sie:” zielstrebig schreitet er auf den nächsten Gerümpelhaufen zu, beginnt methodisch die dort liegenden Gegenstände zu ordnen und zu sortieren. Kaum sind jedoch einige wenige Teile geordnet, als mit einem gewaltigen Poltern ganze Lawinen Unrat aus dem Gestänge herabstürzen und nicht nur die ganze Arbeit des Alten zu Nichte machen, sondern das Chaos und die Unordnung in einem Maße anwachsen lassen, das sich vorher nicht vorgestellt werden konnte.
„So ist es jedes mal — und jedes mal wird es schlimmer.”, sagt er. „Vielleicht hat Ihnen diese Demonstration die Augen geöffnet. Vielleicht auch nicht.”
Er setzt sich wieder auf seinen kaputten Stuhl. Schaut noch einmal herüber. Winkt grüßend mit der Hand und sagt: „Gehen Sie jetzt. Gehen Sie! Es war nett, Sie kennen gelernt zu haben.”
Das Licht dimmt herab, bis keine Einzelheiten mehr erkennbar sind. Mein Blick wird wieder unklar und ich sinke tiefer... .
..gleich der letzten noch unzerstörten Planke eines geborstenen Schiffes, treibe ich weiter. Neuen Begebenheiten entgegen, die noch nicht einordbar sind.
Wird die Hoffnung auf ein Ausfüllen der leeren Stellen sich verwirklichen oder renne ich einem Traumgespinnst nach?
Irgendwann und irgendwo wird es sein, dass ich mir diese Frage beantworten kann.
Es ist noch nicht erreicht — vielleicht wird es nie erreicht werden.
Da eine Antwort auf diese Frage nicht gegeben werden kann, entferne ich mich von diesem müßigen Gedanken und versuche wieder die gegenwärtige Situation als Bestandteil der Wahrnehmung einzubeziehen.
In einem diffusen Dämmerlicht eingebettet, kreuze ich durch die Nacht. Bin in einem Gefühl befangen, welches mir Möglichkeiten zu eröffnen scheint, die ich nur noch zu greifen brauche um zu wissen. Was immer es auch sein mag, dieses Wissen. Was auch sein Inhalt und seine Bedeutung sein mag, es ist gleich. Wichtig ist nur, endlich nicht mehr haltlos und blind durch die Künstlichkeit meines Leben zu stolpern.
Durch diese Gefühl wird aber gleichzeitig eine Traurigkeit und Unruhe ausgelöst, die sich nach einem gegenüber sehnt, dem mitgeteilt werden kann, was an Resonanzen im innern meiner Seele ausgelöst worden ist.
Dieses Gegenüber zu finden, soll das Ziel sein, welches ich mir selbt setzte. Auch wenn ich tief im innern weiß: der Alte hatte recht, als es sagte, ich müsse herausfinden wo ich bin, was mich bewegt und was mich am lben hält-
Im ersten Moment schien mir die Welt des Alten eine, oder gar die Hölle zu sein. Doch immer wieder, wenn diese Szenen in mir Revue passieren, wird klarer, nicht ein großes Ziel ist es, was uns treibt... es sollte das Erkennen und das Erleben der Details sein.
Fange ein großes Werk an. Auch wenn es keine Möglichkeit gibt, es zu realisieren. Finde dann die Kraft weiter zu machen in den kleinen Erfolgen und unerwarteten Freuden.
Nur sie, wird mir klar, können die Stärke wecken, die notwendig ist um erreichen zu können, was Unerreichbar zu sein scheint.
Der Frieden und die Ruhe, die durch diesen Gedanken ausgelöst werden, entziehen sich jeder Beschreibung. Immer noch treibe ich durch einen nicht fassbaren Kosmos. Doch kann ich den Kampf nun aufnehmen und erfahren, was mir diese Welt mitteilen will.
Die Augen sind offen, – meine Ohren sind geöffnet – ich nehme wahr!

© 1990 FSH

Sonntag, 2. August 2009

Bild 3 — Wege und Schritte

   Wege und Schitte

Von einer Sphinx geleitet, schritt das Kind die imaginäre Straße entlang. Um sie herum war – hier wird es schwierig – war das Nichts.

Ein Nichts, dass mit allem angefüllt war, das gedacht werden konnte und dennoch nichts anderes enthielt, als die Spiegelungen von Vorstellungen, die sich selbst nicht ernst nahmen. Auch nicht ernst genommen werden wollten.
So gesehen war Augenblicklich nur Schwärze, unergründlich und unauffüllbar um sie herum.
Angst und Furcht gehörten nicht in diese Welt, die ihre Realität aus der Imagination bezog.
Auch Zeit war nicht existent. Zeit braucht zu ihrer Bestätigung ein Etwas, an dem sie nagen kann. Ein Etwas, das die Berührung der Zeit auf seiner Haut spürt.
All das war nicht. Noch nicht.
Es zeigte sich nicht einmal ein noch so kleines Anzeichen dessen, was geschehen würde.
Eine nicht vergangene Zeitlang gingen die beiden so ungleichen Wesen auf dieser Straße durch die Unendlichkeit.
Kein Wort wurde gewechselt. Die Verständigung war absolut und sie bedienten sich lediglich aus der Freude an einer Lautmalerei heraus des gesprochenen Wortes.
Die Straße selbst war in einem ständigen Wandel. Manchmal wirkte sie wie ein lebendiges Wesen, verlief in nicht erwarteten Kurven und Schleifen. Dann wieder schien sie nicht existent zu sein. Mitunter dreht sie sich so, dass die beiden Wanderer mit dem Kopf nach unten durch den Kosmos zu wandeln schienen.
Der Junge schritt mit großen Augen und einem ständigen, doch nicht dümmlich wirkenden, Lächeln seinen Weg entlang. Der Sphinx war keinerlei Gemütsregung anzumerken.
Sie, die die Metamorphose, den ständigen Wandel und die Vereinigung von Phantasie und Traum versinnbildlichte, war das, was sie war.
Nichts anderes. Nicht mehr. Nicht weniger. Sie ruhte in sich, war im Einklang mit sich und der Welt, in der sie sich befand.
Irgendwann berührte das Kind aus einem wagen Impuls heraus einen Flügel der Sphinx, strich sanft mit seiner kleinen Hand über die in stetiger Veränderung befindlichen Farben der Facetten, welche die Oberfläche dieser Flügel bildeten, hob die Stimme und stieß sanft einige gurrende Laute aus.
Als es der Lautmalerei genug war und es wieder eine genügende Übung im Gebrauch der Sprache selbst zu haben glaubte, sprach es die Sphinx an: "Wann glaubst Du, kommen wir an unser Ziel?"
Durch die Erwähnung dessen, was es bisher nicht gegeben hatte, entstand die Zeit und begann ihr silbrig schimmerndes Haupt aus den Niederungen der Schöpfung zu heben.
Da es kein anderes Ziel gab an dem sie ihre Entstehung und Existenz beweisen konnte, begann an dem Kinde zu wirken und verging.
Das Kind bemerkte nichts von dem, was geschah. Die Sphinx, die wohl wahrnahm was da passierte, war Machtlos gegen dieses Geschehen. Wußte sie doch: dies war es, was sie ans Ziel bringen würde.
Sie selbst wurde von der Zeit nicht berührt. Sie stand außerhalb. Entfernte sich deshalb auch von dem Kind. Zwar war dieses Entfernen nicht räumlicher Natur – auch einen Raum gab es in diesem engen Sinne nicht.
Nach einem aus tiefster Seele aufsteigendem Seufzen, quälte sie sich eine Antwort ab und erwiderte dem Kind, wobei ihre Stimme dem Krächzen des Adlers, dem Miauen der Katze und dem Dröhnen des Donners glich: "Weder ahne, noch weiß ich es. Aber sei ohne Sorge, wir werden zur rechten Zeit ankommen."
Sorge und Trauer hüllten die Sphinx ein. Da nützte auch nicht das Wissen um die Notwendigkeit dessen, was geschehen musste.
In kindlicher Weise herumhüpfend und bar jeglicher Sorge, hüpfte das Kind einige Schritte voraus, hüpfte zurück und lief schließlich zum Rand der Straße.
Neugierig blickte es über den Abgrund und schreckte zurück. In seinem Gemüt geschahen seltsame Dinge. Nie gekannte und völlig fremde Emotionen davonfuhren es. Es hatte Angst!
Die Angst in diesen Abgrund zu stürzen. Die Angst das Ziel – um was es sich dabei auch immer handeln mochte – nicht mehr erreichen zu können.
Alle Freude und Leichtigkeit, die das Kind bis dahin ausgestrahlt und auch verinnerlicht hatte, zerfaserten wie ein Nebelgespinst im Sturm.
Blanke Panik spiegelte sich in seinen Augen. Es musste etwas geschehen. Und das schnell!
Mit von blindem Schrecken gefüllten Augen, rannte das Kind auf die Sphinx zu umklammerte als es sie erreicht hatte, die mit Fell bedeckte Vorderpranke und klammerte ich zitternd an sie: "Wir müssen etwas tun, damit wir nicht abstürzen. Wir müssen etwas tun! Hilf mir!", flehte es die Sphinx an.
Diese wiederum, von düsterem Vorwissen geplagt, seufzte erneut aus tiefstem Herzen und sprach, diesmal mit der Stimme eines sehr alten Mannes: "Du bist der Einzige, der etwas tun kann. Du bist der Einzige, der etwas tun will. Ich kann dich nicht abhalten zu tun, was getan werden muss." Nach diesen Worten hüllte sie sich in Schweigen und weigerte sich, den Mantel des Schweigens wieder abzulegen.
Zweifelnd und ratlos blickte das Kind zu dem seltsamen Wesen auf. Es verstand nicht was gemeint war. Der unendliche Raum des absoluten Verstehens, der bisher von ihnen ausgefüllt wurde, schrumpfte auf den Abstand zwischen Zunge und Gaumen zusammen.
Es gab kein Verstehen mehr.
Derweil hatte das Universum, so wie es das immer getan hatte, die Gefühle und Vorstellungen seiner Bewohner umgesetzt und war finster und bedrohlich geworden.
Dieses Widerspiegeln der inneren Zustände verstärkte eben genau diese Emotionen, die verantwortlich waren für die Panik des Jungen.
Eine nie gekannte Dunkelheit umfing beide. Das Erschrecken steigerte sich in ungeahnte Dimensionen. Schwang sich in Tiefen hinab, die nur in Seelen zu finden sind.
Noch war sich der Junge seiner Kraft der Vorstellung bewusst und so setzte er den Rest dessen, was ihm verblieben war ein um sich aus der Panik zu reißen: "Ein Licht!", rief er, "wir brauchen ein Licht, das unseren Weg erleuchtet."
Kaum waren diese Worte gebildet, als ein feuriger Ball erschien, der alles mit einem vermischten, nicht mehr so klar unterscheidbaren Licht, wie es das der Imagination war, überschüttete.
"Ha!", rief der Heranwachsende der Finsternis entgegen.
"Dich habe ich besiegt. Du kannst mich nicht mehr schrecken. Ich habe Dich überwunden."
Er wollte sich zur Sphinx wenden und erschrak erneut. Das Bild der Sphinx verblasste deutlich. Schon war sie nur noch ein Schemen. Der dunkle Raum hinter ihr durchdrang bereits den grotesken Körper.
"Verlasse mich nicht!", schrie der Heranwachsende.
Schweigen.
In seinem Innersten öffneten sich Felsen und ein Strom von Schmerz und Leid brach aus den Augen des Kindes hervor. Die ersten Tränen wurden geweint. Verlassenheit stieg aus den Schluchten empor und wurde zu etwas greifbarem. Überfiel das Kind und setzte sich in ihm fest, weigerte sich, es jemals wieder los zu lassen.
Zwar waren noch schemenhafte Schatten der Sphinx erkennbar, die Kommunikation jedoch war endgültig, so schien es, abgebrochen.
Egal was sein Ziel sein mochte, der Heranwachsende verspürte jetzt nur noch den Drang, sich zu verstecken. Nicht mehr auf dieser, doch sehr unsicher erscheinenden Straße gehen zu müssen. Er erschuf die Vorstellung einer riesigen Kugel, groß genug um sich drauf sicher bewegen zu können.
Um alle Dinge die er geschaffen hatte an sich zu binden, benannte er alles mit einem eigenen Namen. Nicht ahnend, damit eine Falle aufzubauen, die nur unter ungewöhnlichen Anstrengungen, falls überhaupt, wieder überwunden werden konnte.
Die leuchtenden Kugel nannte er Sonne. Die kleinere, auf der er zu wandeln gedachte, nannte er Erde.
In jenem Augenblick, in welchem er seinen Fuß auf die Erde setzte, hörte die Straße auf zu bestehen. Sie hatte keinen Sinn mehr.
Die Zeit, das brodelnde Ungetüm bemerkte augenblicklich die Veränderung welche vor sich ging und dehnte seinen Herrschaftsbereich bis zu äußersten Grenze aus. Umfing und durchdrang alles, was es bis jetzt gab.
Es sollte kein entrinnen mehr möglich ein. Nie mehr wollte sie auf ihr Sein verzichten.
Nagend, fressend und auflösend, wie es ihrer Natur entsprach, unterwarf sie sich den Lauf der Dinge und nannte sich Entropie.
Kaum war der Fuß des jungen Mannes auf den Boden der Welt getreten, so bemerkte er, dass sein Körper sich nicht mehr mit der Leichtigkeit bewegen ließ, wie er es gewohnt war.
Schwerkraft hatte sich seines Körpers bemächtigt und zerrte an ihm.
Doch nicht nur am Körper des Mannes zerrte die Gravitation. nein, auch sie, gleich der Zeit, wollte sich beweisen und dehnte ihren Einflussbereich aus: Sie schob an dem Planeten, drückte an der Sonne und erschuf ein fast unlösbares Band. Fesselte den Mann an einen viele tausend Kilometer tiefen Grund und wollte ihre Beute nie mehr los lassen.
Obwohl sie immer noch anwesend war, war von der Sphinx nichts mehr zu sehen. Nur schwach schien sich noch der Klang einer Persönlichkeit in diesem Gefängnis erahnen zu lassen.
Durch das Zerren der Schwerkraft wurde die Welt in Drehung versetzt. So geschah es langsam, doch deutlich wahrnehmbar, an Licht verlor, da sie sich von der Sonne abwandte. Der Mann bemerkte dies und wieder kroch Furcht in ihm hoch. Was sollte er nur tun?
Es schien kaum eine Fluchtmöglichkeit vor dieser Dunkelheit zu geben.
Noch hatten ihn die Kräfte der Imagination nicht völlig verlassen und so sammelte er seine Reserven und schuf wiederum einen Körper. Einen Körper, der das Licht der Sonne auffangen und zu ihm hinabstrahlen sollte.
Wie er es gewollt hatte, geschah es.
Unfähig wie er es war, sich aus dem Gewebe, in das er sich gewickelt hatte, wieder zu befreien, verlieh es auch diesem Himmelkörper einen Namen. Er nannte ihn Mond.
Alles sollte an ihn gebunden sein. Nichts durfte ohne ihn existieren können. Nur so konnte er sich sicher fühlen.
Um sich selbst zu binden, gab er auch sich selbst einen Namen: "Ich bin GOTT!", so sprach er und fesselte damit sich selbst an den Schein einer Wirklichkeit, die er bisher erlebt und geliebt hatte.
Nun, nachdem alles, was vorhanden war, in das Netz mit eingebunden war, gedachte er mehr zu erschaffen. Wollte Pflanzen, Tiere und alles, was er sich vorstellen konnte, auf dieser Erde versammeln.
Wie in einem Spiel erschuf er das Leben, erschuf auch den Tod. Erschuf das Wachstum und den Niedergang. Nichts wurde ausgelassen. Nichts wurde vergessen.
Verbunden mit der Zeit, war auch die Erinnerung in die Welt des Seienden gelangt.
Der einzige jedoch, der eine Vergangenheit hatte, war der Greis, der alles erschaffen hatte. Er war nun ihr Betätigungsfeld.
GOTT erinnerte sich. Erinnerte sich an den Bereich seines Sein, den es vor der Zeit gegeben hatte. Erinnerte sich an die Sphinx. Seinen Ratgeber und Begleiter. Gedachte nun, da das Spiel seinen Reiz verloren hatte, wieder heimzukehren ins Leben. Musste aber feststellen, dass er sich in allen seinen Träumen und Schöpfungen verlaufen hatte. Fand den Weg zurück nicht mehr.
In diesem Moment der höchsten Verzweiflung fanden die Reste der Sphinx einen Weg, sich dem Verlorenen zu offenbaren: "Du musst den Traum, in welchem du gefangen bist, wieder auflösen.", sprach sie.
"Wie soll ich das tun?", fragte GOTT zurück. "Ich finde den Anfang nicht mehr."
"Teile dich!", erklang der Hauch einer Eingebung von der Sphinx.
Und so geschah es.

© 1988 by FSH

Samstag, 18. Juli 2009

Bild 0 — Intermezzo

Intermezzo


Dunkel, schwer und drückend ist die Nacht. Spreche das Mantra, welches die Ruhe bringt.Gefangen nimmt sie mich. Lässt keinen Raum mehr für Gedanken. Ein langsames, doch stetiges Hinabgleiten ist es, was mich mir näher zu bringen vermag.
Schemen, Wesen- und materielos durchziehen meine visuelle und auditive Wahrnehmung. Hin und wieder will es mir so scheinen, als seien diese Schimären bereit, sich zu etwas Greifbarem zu verdichten.
Aber kurz, sehr kurz vor diesem Teil eines Augenblicks, in dem sie fassbar wären, zerfasern sie im Sturm meiner Ungeduld.
Monoton dring das Schalgen meines Herzens in die Bewusstseinssphären vor, wo Erkennen seinen Sitz eingenommen hat. Ich erkenne den Rhythmus meines Lebens. Eintönig aber doch nicht langweilig.
Das Pulsieren meines Blutes öffnet Tore zu Bereichen, vor denen ich ansonsten zurückweiche. Zu Bereichen, die zuzulassen ich noch nicht gefestigt genug bin.
Erinnerungsfetzen verdichten sich zu Bildern, die wiederum zu lebendigen Begebenheiten werden.

...wieder ist es Abend. Der Tag begrüßt mehr oder weniger freudig seinen Henker und Nachfolger. Sanft, doch mit Nachdruck und Unaufhaltsam breitet sich die Nacht aus. Tötet das Licht in der Mitte der Straße. Wolken ballen sich. Schließen das Tor zu Himmel durch ihre Existenz.
Ein leichter Nieselregen setzt ein und bedeckt alles mit einem schmierigen Film verunreinigter Nässe.
Regen in der Nacht. Regen in den Straßen. Ich muss jetzt weitergehen. Immer weiter gehen. Es gibt kein Halten mehr. Zu weit diesmal, viel zu weit habe ich es getrieben. Der Kopf platzt. Mir ist schlecht!
Mechanisch wie ein Automat, bewegen sich meine Beine. Setzen Fuß vor Fuß. Schreiten unbeteiligt und unberührt durch die weinende Stadt.
Wie vermisse ich deine Gegenwart.
Die Anwesenheit einer Person, die dir gleicht.
Einstmals gab es dich. Doch dies wird nie mehr sein. In den trüben Himmel gestreckt waren die Finger deiner alten und verbrauchten Hände. Verkrampft die Gelenke, so als sei ihnen etwas sehr wertvolles entrissen worden. Gebrochen die Augen. Sie nahmen keine Notiz mehr von der Welt.
Kälte und Schmerz schleichen in meine Adern, lassen das Blut nur noch stokend fließen. Rauben dem Atem die belebenden Bestandteile.
Lass mich in dich kriechen. Tief hinein und halte mich wie ein Kind, das sich vor der Dunkelheit fürchtet und immer noch nicht schlafen will.
Telegrafendräte spannen sich zwischen den Dächern und verbreiten durch den Regen dazu gebracht, ihren Sirenengesang.
Klein und leicht. Zart fast, sah ich den Körper, der dich einstmals beherbergte, mir folgen.
So sehr mir auch deine Nähe fehlt, so sehr erschreckt mich doch dieses Bild des Vergangenen.
Einst teilten unsere Zeit. Einst teilten wir den kleinen Raum. Teilten Gedanken, Visionen, Gefühle und auch Zuneigung. Jetzt befindest du dich außerhalb der Reichweite meines bescheidenen Wahrnehmens.
Wie zurückerhalten, was zerbrach, bevor es bestand annehmen konnte? ...

Nebelschleier lichten sich vor meinen Augen und lassen mich den Ort erkennen, an den gelangt bin.
Hier war ich schon einmal.
War hier, als Erde und Schlamm sich mischten. Sah einen Schrein aus schwarzem Holz, der zu deiner letzten Ruhestätte geworden war. Spürte jeden Zentimeter den sie dich in die Tiefe senkten, auch mich von dieser Welt gehen.
Vor meinem Auge, das nicht das Materielle schaut, entsteht ein Gesicht, welches dem deinen gleicht. Die Augenhöhlen sind leer.Blicklose Abgründe tun sich auf, die mich gleichsam zwanghaft anziehen. In sie stürze ich hinein. Verliere die letzte Bindung an diese Welt. Trudelnd stürze ich in die Finsternis. Gehe freiwillig in die Schwärze, die sich als Ausdruck des Seins manifestiert, in dem ich zu existieren gezwungen bin.
Niemals mehr, so glaube ich, wird die schmerzende Helligkeit des Lichts mich aus dem Bewusstseins des Verlustes reißen können.
Nun kann es kommen: Dass Leben und versuchen, mich wieder zurückzuholen in eine Welt, die nicht die meinige ist. Und die nicht mehr die unsrige sein wollte.
Zähflüssig wie sich verdickendes Blut, tröpfelt das Leben aus mir heraus. Bring mich Bereichen näher, die nun deine Heimat sind.
Weit vor mir bildet sich ein verwaschener, schmieriger Fleck eines diffusen Lichtes. Inmitten dieses Lichtes steht eine Gestalt, die der deinen zu gleichen scheint.
Sie bewegt ihre Arme in deiner abwehrenden Geste.
"Geh zurück!", ist der Inhalt dessen, was dieses Schemen, das du nun bist, mir mitteilen will.
"Wir können einander nicht verlieren."

Mit dem Nachklang dieser Worte erwache ich und bin wieder bereit, den nächsten Schritt auf der Straße des Lebens zu gehen.

© 1989 FSH

Sonntag, 12. Juli 2009

Bild 2 — Im innern des Regenbogens

   Im innern des Regenbogens

Ich durchquere das Wohnzimmer und schalte das Fernsehgerät aus. Du schaust mich an, mit deinen schönen blauen Augen. Es ist ein gutes Gefühl, hier in deiner Nähe zu sein. Es tut gut, deine liebkosenden Arme zu spüren.
Weit entfernt hören wir Auto fahren. Das Geräusch zerfasert im Grau der Nacht.
Deine Worte umtanzen mich wie schillernde Sektperlen. Kein Laut kann das Gefühl wiedergeben, das uns umschlungen hält. Worte brauchen wir nicht. Unsere Seelen verschmelzen zu einer. Wir lassen Worte sinnentleert in der Luft tanzen.
Da nur der Wahnsinnige absolut sicher sein kann, geben wir uns ihm hin, dem Wahnsinn der Liebe.
Denn das ist alles was wir sagen, alles von dem wir erfüllt sind, ist: "Ich liebe Dich. Du liebst mich!", ohne Zweifel und ohne Rückhalt.
Die Gewissheit des Wahnsinns ist in uns.

Der Mond klettert am Firmament empor und bedeckt alles mit seinem silbernen Schein. Unerwartet und plötzlich tritt der Wandel ein: Silber wird zu rot. Gleicht geronnenem Blut. Ohne unser Wollen erfasst der Wandel auch uns.
Du entfernst Dich von mir. Oder — entferne ich mich von dir?
Nein. Ich will nicht fort! Nicht fort von deinen blauen Augen — nicht fort von der Liebe zu dir.
— Du bist nicht mehr da.
— Ich bin nicht mehr da.
Die Nacht, die furchterfüllende, hüllt mich in ihr modriges Leichentuch und droht mich zu ersticken. Die Luft bleibt mir weg. "O Atem, was würde ein armer Junge nicht alles für einen tiefen Atemzug tun?"
Farbige Kreise rotieren vor meinen Augen. Wer hilft? Wo bist du? Meine letzten Gedanken sollen dir gehören. Du sollst noch vor meinem Leben stehen!
So schwinden mir die Sinne. Ich verliere mich in der Finsternis. Bin nicht mehr ich. Habe keine Hoffnung mehr, jemals zurück zu kehren.
Unzählige Äonen vergehen, während ich angsterfüllt, den Kummer beweinend, in Bewusstlosigkeit verharre. Schließlich nimmt doch fast alles ein Ende und so sammeln sich die Atome des Körpers, der einstmals der meinige war und schaffen das längst Vergangene neu.

Auf kaltem Wüstenboden liegend, mit Augen, die starr den rot leuchtenden Mond fixieren, findet das Bewusstsein doch noch den zu ihm gehörenden Körper wieder, versenkt sich in ihn und lässt mich erwachen.
Voller Zweifel und schwankend erhebe ich mich und es scheint, als bereite sich die Welt auf ihre letzten Tage vor.
Unvermittelt dringt ein Klang zu mir vor: Das Getrampel von Pferdehufen auf blankem Metall. Mein Blick, immer noch zum Himmel gewendet, fängt einen flüchtigen Schatten ein. Ein Pferd ohne Kopf, mit diamantenen Hufen stürmt auf den Mond zu. Ein blutiger Abglanz seines früheren seins.
Ohne im Laufen inne zu halten wächst der Schatten beinahe endlos an. Der glitzernde Huf trifft auf den Mond, der am Himmel zerbirst, wie ein wertloses Kleinod.
Trümmer des Mondes – blutrot – stürzen rechts und links von mir zu Boden. Als sie aufprallen, verwandeln sie sich in Seen aus Blut, Kochend überschäumt mich die Gischt. Verbrennt das Fleisch welches ich trage. Auf einer Anhöhe, nicht weit entfernt, sehe ich Einstein sitzen. Er schaut herüber und schwitzt. Versteht sich selbst und die Welt nicht mehr.
Trauer, die schwarz umhüllte Frau, schneidet unter Tränen Furchen in sein Gesicht. Während ich mit der mich überfallenden Übelkeit ringe, erhellt sich plötzlich sein Antlitz: "Ich habe die Lösung!", erklingt seine Stimme. Von Freude umfasst, die mild golden schimmert, umtanzt er den Stein, auf dem er gerade noch saß.
Nach einer Weile des Tanzens, heftig nach Luft ringend und immer wieder von Lachen geschüttelt, ruft er schließlich aus: "Genau das ist der Sinn des gesunden Menschenverstandes", bricht in Tränen aus und flüstert, "verrückt zu werden."
Kaum sind diese Wort geflüstert, als GOTT auf ihn zutritt, der leise aus Shakepears King Lear zitiert: "Was Fliegen sind für tückevolle Knaben, sind wir den Göttern. Sie töten uns zum Spaß."
Als die Worte der HÖCHSTEN verklungen, bemerkt dieser Einstein, der wieder auf seinem Stein sitzt und von Ehrfurcht erfüllt zu GOTT aufschaut.
Mit einem freundlichen Lächeln erhebt GOTT seine rechte Hand, spreizt den Daumen ab und zerquetscht das Genie auf dem Stein.
Nun gewinnt die Übelkeit doch Oberhand und ich bin gezwungen, mich zu übergeben.
Bunte geometrische Figuren, die von innen her leuchten, bahnen sich den Weg aus meinem Munde. Vieles von dem, was mich ausmacht, ist nun für immer gegangen.
Die geometrischen Körper verbinden sich zu Kalaydozyklen, die ständig ihre Form ändern und sich selbst umkreisen. Schließlich wird das Kreiseln so schnell, dass ein Sog entsteht. Ein finsterer Schlund, in den ich stürze.
Wirbelnd und mich überschlagend, falle ich in das Zentrum des Strudels. Dort treffe ich auf eine Wand, die wie Glas zerbirst, als ich gegen sie geschleudert werde. Die Splitter rasen mit einer ungeheuren Geschwindigkeit nach allen Seiten davon. Es scheint, als seien die Scherben und mein Körper magnetisch Gleichpolig und stießen sich ab. Ständig überschlagend, drehe ich mich um meine eigene Achse. Trudle durch die Finsternis. Mein auditives und visuelles Wahrnehmen kippt um. Verkehrt sich in sein Gegenteil. Was hell war ist nun schwarz. Grauwerte existieren nicht mehr. Zu hören sind nur die Unterbrechungen im Tosen, das mich umgibt. Die Zeit scheint still zu stehen während ich mich um mich selbst drehe.
Ohne Vorwarnung erscheint wieder fester Boden unter meinen Füßen. Mein Gleichgewicht ist gestört. In meinem Kopf arbeitet ein Hammerwerk und droht, ihn zum zerplatzen zu bringen. Der Schmerz ist unerträglich!
Will fliehen, weiß aber nicht wohin.
Blind, mit Augen voller Tränen, stürze ich fort von diesem Ort. Es ist gleich wohin. Hauptsache ist, dass ich mich von hier entferne. Stolpernd und immer wieder strauchelnd, falle ich mehr voran, als das ich gehe.
Wie lange die Flucht andauert ist nicht fassbar. Fassbar ist jedoch das Hindernis, gegen das ich stoße. Der Schock des Aufpralls lässt etwas einrasten. Das Mosaik des Denkens fügt sich wieder zu einem verständlichen Muster zusammen.
Riesig und rot steht die Sonne, den halben Himmel ausfüllend, dicht am Horizont. Geht sie auf, oder geht sie unter? O wie hoffe ich, dass sie im Aufgehen begriffen ist. Den Blick von dem Entfernten wendend, bemerke ich eine Gestalt, gleich einem Schattenriss. Geflügelt ist sie und schaut mich mit brennenden Augen an. Zornige Blicke schießen aus ihnen. Offensichtlich war die Gestalt das Hindernis, auf welches ich traf.
Die Flügel schlagen wild und bringen die Luft zum brodeln. Es kaum noch möglich aufrecht stehen zu bleiben, so sehr zerren die vom Geflügelten erzeugten Böen an mir.
"Hör auf. Es tut mir leid!", rufe ich gegen den Orkan an.
Es ist nicht sicher, ob der Geflügelte mich überhaupt hören kann. Urplötzlich er er auf mit den Flügeln zu schlagen. Das unerwartete Fehlen des Windes gegen den ich mich stemme, lässt mich noch einmal fallen. Schwer stürze ich dem Boden entgegen, doch kurz vor dem Aufschlagen umfasst ein fast schmerzhafter Griff meinen Bizeps und ich werde in die Höhe gerissen. Der Boden entschwindet in der Tiefe. Gleich einer Maus in den Fängen des Adlers werde ich fort getragen. Was mag das Ziel dieser unfreiwilligen Reise sein?
"Du musst die Zeichen deuten in diesem Land.", schwebt eine krächzende Stimme heran. "Hier gibt es kein wer, was wann oder wohin. Hier musst du an den Zeichen erkennen was mit dir wird! Deine Vorstellungen und dein Innerstes bestimmen immer, was mit dir geschieht."
Der Geflügelte spricht.
Es ist das erste Mal, dass mir eine Stimme begegnet, seit ich dich verlor. Doch es ist kein Trost, was aus diesem seltsamen Wesen spricht. Es ist eine Feststellung dessen, was um mich herum passiert. Was soll ich anfangen mit dieser Erklärung? Wie soll und kann ich mein Innerstes ordnen, damit ich zurückkehren kann zu dir? Ich weiß es nicht, doch es sammelt sich die Gewissheit, dass es einen Weg zurück geben muss.
Die Landschaft rast unter uns vorbei. Täler und Hügel wechseln sich nach einem nicht erkennbaren Muster ab. Ausgetrocknete Flußbette zerreißen die Landschaft der Ödnis mit ihren verschlungenen Linien.
Wir nähern uns einem Gebirge, welches dunkel, scharfkantig und drohend am Horizont auftürmt. Der Anblick des finsteren Gesteins erfüllt mich mit Furcht.
Ich will dort nicht hin!
Dort ist etwas, vor dem ich mich aus tiefster Seele fürchte. Etwas, das mich vielleicht Teilen von mir gegenüberstellt, denen ich unter keinen Umständen begegnen möchte. Vielmehr möchte ich nicht einmal erfahren, dass es solche Seiten gibt.
Durch diesen zeitlosen Raum fliegend gelange ich in einen psychischen Zwitterzustand. Einerseits sehe und betrachte ich alles ganz klar, was mit mir geschieht, andererseits fühle ich mich wie durch eine dicke Glasscheibe vom Leben getrennt.
Auf einer ganz anderen Ebene ist es ganz gleichgültig, was noch kommen wird.
Immer näher kommen die Berge. Durch winzige Anzeichen, die nicht näher Benennbar sind, wird klar, dass sich der Flug seinem Ende nähert.
Wir sinken tiefer. In der Nähe eines alten versteinerten Baumes lande wir. Der Geflügelte schaut mich noch einmal an, nickt mit dem Kopf und sagt: "Der Traum fliegt wie der Rabe. Aber es gibt keinen Unterschied zwischen Traum und Wachen. Achte darauf, dass du aus deinen Träumen wieder erwachst und nicht in ihnen gefangen bleibst."
Mit diesen Worten dreht er sich um, entfaltet die Schwingen, erzeugt wieder einen kleinen Sturm und entschwindet ohne Erklärung dessen, was er mit seinen rätselhaften Worten meint.
Ratlos bleibe ich zurück. Was kann er nur gemeint haben?
Was es auch immer gewesen sein mag, es gibt keine Antwort auf meine Fragen.
Die Erschöpfung nimmt überhand. Zuviel ist geschehen. Der Körper verlang sein Recht. Ich lege mich unter den versteinerten Baum und bin schon mit den nächsten Atemzug eingeschlafen.
Wir sitzen einander gegenüber. Schauen uns in die Augen und spüren die Nähe des anderen. Alles was außerhalb von uns ist, hat aufgehört zu sein.
Nichts ist mehr da.
Hat es jemals etwas gegeben, bevor wir uns fanden? Wer kann es wissen? Sinnlos die Frage, auf die es keine Antwort geben kann. Zu Anfang haben wir noch das Gesicht des Gegenübers gesehen, doch jetzt ist das Gesichtsfeld eingeschränkter als jemals zuvor. Nur die Augen werden noch gesehen. Jetzt sind es nur noch die Pupillen. Schwärze. Undurchdringlich, alles verschlingend und doch lebendig, füllt das gesamte Gesichtsfeld aus.
Unfähig zu sprechen, wie wir es sind, lassen wir unsere Gedanken Gestalt annehmen, die sich als Bilder in der Finsternis der Pupillen, schwerelos schwebend wiederfinden.
Wessen Bilder zuerst wahrgenommen werden ist unwichtig, hat kein Gewicht. Ist auch nicht mehr feststellbar. Denn, entstanden in den Augen des Einen, wahrgenommen durch die Augen des Anderen, spiegeln sich die Bilder unendlich, bis keiner mehr weiß, ob er die Gedanken des Gegenübers sieht, oder die Reflexionen seiner eigenen Gedanken.

Am Anfang noch Schemenhaft manifestieren sich die Bilder zu lebenden Szenen. Zu Erlebnissen und Träume werden zur Wirklichkeit. Haben endlich des Schritt über den Abgrund der Illusion gewagt. Haben überwunden, was es doch gar nicht gibt, jeden jedoch umschlungen hält in einem Kokon der Lügen.

...fast noch ein Kind scheint die Gestalt zu sein, welche aus dem finsteren Tunnel des Auges tritt und sich suchend umblickt.
Bekleidet mit einer schwarzen Tunika, engen schwarzen Hosen und glänzenden, ebenfalls schwarzen Stiefeln, sind bis jetzt nur das Gesicht und die Hände sichtbar.
Langsam, fast widerwillig materialisiert sich nun eine Landschaft um den Jüngling herum, was diesen zu beruhigen scheint. Noch einmal reibt er sich die Augen, so, als wäre er gerade erst aus einem Traum erwacht und finde sich in der Welt noch nicht zurecht. Doch jetzt kennt er sich wieder aus!
Alles war wie immer.
Wie könnte es auch anders sein? Die Welt ist doch immer da. Ob er nun wach ist oder nicht.
Über sich den den blauen, wolkenlosen Himmel, unter sich die braune, noch etwas feuchte Erde, fühlt er sich völlig sicher und geborgen. Was war das doch für ein seltsamer, erschreckender Traum? Bilder die sich in Augen reflektieren. Ein Welt die es nicht mehr gab? So ein Unsinn!
Träume. Wer braucht sie schon?
Niemand!
An ihnen ist nichts Wirkliches!
Seine wenigen Habseligkeiten sind schnell verstaut und er macht sich auf den Weg. Wohin es gehen soll, weiß er noch nicht. Kein Ziel hat er gewählt. Außer man sieht es als Ziel an, sich selbst zu suchen.
Ein kurzes Stück Wegs liegt noch vor ihm, bis er die Stadt erreicht hat. Niemand hindert ihn am Betreten der Stadt. Niemand fragt ihn etwas. Niemand schein ihn zu bemerken.
Heute ist Markttag. Er gedenkt seine Vorräte aufzufrischen. Ein Stand mit frischen Broten zieht ihn gleichsam magisch an. Wie lange it es her, dass er das letzte Mal frisches Brot gegessen hat? Er weiß es nicht mehr. Ist ja auch unwichtig!
Schnell ist der Stand des Bäckers erreicht. Der junge nimmt ein Brot und wirft eine Münze auf die Bretter, die hier als Theke dienen. Der Bäcker nimmt wie unbeteiligt das Geld und beachtet den Jungen nicht einmal.
Leicht befremdet wendet sich der Junge von dem Stand ab und Zuckt mit den Achseln. Vielleicht ist es hier nicht üblich mit Fremden zu sprechen. Oder der Bäcker ist kein sehr geselliger Mensch. Außerdem kennt er weder den den Bäcker, noch die Sitten in dieser Stadt.
Ein drückendes Schweigen liegt auf dem Marktplatz. Ein jeder bewegt sich wie in Trance. Aber da fällt dem Besucher nicht auf. Er ist fasziniert von den Farben, den Gerüchen und den vielen, ihm fremden Waren, die hier zum Verkauf stehen.
Doch ganz tief in ihm regt sich ein Gefühl des Unwohlseins. Ein seltsames, nicht näher definierbares Kribbeln ist es, was ihn unruhig werden lässt.
Was stimmt hier nicht?
Was stimmt mit ihm nicht?
Gegen seinen Willen beginnt er sich zu fragen, was hier eigentlich los ist. Kommt aber zu keinem Ergebnis. Völlig versunken in Gedanken, wie er es nun ist, schreckt er furchtbar zusammen, als er plötzlich eine fremde Hand in der seinen spürt, die ihn kraftvoll aus der Menge zieht.
Jetzt wird ihm bewusst, dies ist das erste Mal solange er in der Stadt weilt, dass jemand ihn, absichtlich oder unabsichtlich, berührt hat.
Nichteinmal im dichtesten Gewühl ist er berührt worden.
Gebannt starrt er auf die Hand, welche die seine umschlossen hält. Langsam lässt er den Blick den Arm hinauf wandern, betrachtet die Gestalt die ihn führt, ohne ihn anzusehen. Oder auch nur einen Versuch zu machen, mit ihm zu sprechen.
Es ist eine Frau. Langes schwarzes Haar fließt um ihre Schultern und sie ist sehr schlank. Ihr Gesicht ist nicht zu sehen. Sie hat es abgewendet. Ohne Widerstand zu leisten, lässt sich der Jüngling von der völlig in Blau gekleideten Frau führen.
Es ist keine Zeit zu fragen. Wie von selbst schließen sich seine Augen und Tränen laufen seine Wangen hinab. Er weiß nicht warum, aber er weint wie ein Kind.
Endlich ist er angekommen.
Hier ist er und hier ist sie. Sie betreten ein kleines Haus und blicken sich an. Es ist Liebe, was aus ihnen spricht. Sie geben sich ihre Körper und erreichen Höhen, die selbst den Göttern verschlossen sind.
Sie schauen sich in die Augen...
Wieder und wieder spielt sich die gleiche Szene ab. Bilder materialisieren sich in den Augen des Einen und scheinen lebendig zu werden. Dem Träumer fällt es nicht auf, dass er in einem sich selbst nachahmenden Traum gefangen ist.
Nur ein Gefühl regt sich schwach in ihm und wispert: "Pass auf! Verliere dich nicht."
Nach endlosen Wiederholungen des Traumes, gewinnt dieses Gefühl schließlich an Stärke. Lässt den Träumer merken, dass etwas nicht Stimmt.
Doch wie soll er sich befreien? Wie entkommen aus dem Traum, der sein Leben geworden ist?
Allmählich reift eine Vorstellung in ihm. Wenn er nun nicht in die Stadt ginge, sondern dem Baum ginge, der irgendetwas mit dieser Geschichte zu tun hat, und dort auf das Erwachen des Träumers wartete?
Bei der nächsten Materialisierung ist er bereit, das Experiment zu wagen. Er tritt aus dem Tunnel des Auges, schaut sich um und steht vor dem versteinerten Baum. Anstatt sich nun von ihm fort zu bewegen, bleibt er stehen, geht mehrfach um den Baum herum und erkennt schließlich einen kaum wahrnehmbaren Schatten, der sich langsam zu einer menschlichen Gestalt verdichtet.
Dort liegt er der Träumer und träumt sich selbst zu sehen. Die Gestalt des Geträumten verblasst in dem gleichen Maße, wie der Träumer zu erwachen beginnt.
Als der Liegende die Augen öffnet, ist nichts mehr von der Gestalt zu sehen, von welcher er träumte.

...ich bin benommen, fasse mich an den Kopf, als ich erwache. Ein endlos scheinender, schrecklicher Traum, den ich gerade erlebte. Noch nie war ein Traumgeschehen so real und greifbar wie das, was ich gerade durchlebte. Blicke mich um und erkenne, nichts hat sich äußerlich geändert. Irgendwie beruhigt mich das, auch wenn es nichts an der Trostlosigkeit meiner Situation ändert.
Endlich entschließe ich mich, diesen Ort zu verlassen. Nicht weit entfernt vom Baum befindet sich eine staubige Straße. Irgendwo wird sie mich hinführen.
Einsam wie eine Wolke wandere ich diese schmutzige Straße entlang. Mit will es so scheinen, als wolle die Straße kein Ende nehmen.
Nach vielen Stunden des Wanderns komme ich an die Tore einer Stadt.
Sie kommt mir seltsam vertraut vor. Ich kann aber nicht benennen, woher das Gefühl des Erkennens kommt. Ich trete durch die Tore der Stadt. Niemand hält mich auf, oder fragt mich nach dem woher und wohin.
Schlendernd gelange ich auf einen Platz, auf dem gerade ein Markt stattfindet. Fasziniert wandere ich zwischen den Ständen umher, als mir klar wird, dass alles von einer eisigen Stille umhüllt ist.
Niemand spricht. Es scheint, als seien sogar die Füße der Menschen gepolstert, damit sie keine Geräusche produzieren.
Was ist los hier?
Was stimmt nicht an diesem Szenario?
Zum ersten Male sehe ich Menschen, doch sie scheinen wie durch einen Traum zu wandeln.
Ich schrecke fürchterlich zusammen, als ich eine leise Stimme höre, die säuselt: "Wach auf Träumer, wach auf. Wir müssen zum Ballhaus."


© 1988 by FSH

Sonntag, 5. Juli 2009

Bild 1 — Der Wächter

   Der Wächter

Tiefrot glosend schickt sich die Sonne an, hinter einer schroffen, von scharfkantigen Klippen gerahmten Bergkette zu versinken. Eine öde, von keinem Grün unterbrochene Landschaft breitet sich vor dem Betrachter scheinbar unendlich aus.
Staubwolken verbinden sich manchmal zu Wirbeln und wagen einen kurzen, hektischen Tanz über die Ödnis. Schnell erschöpft von ihrem Treiben, lösen sie sich wieder voneinander und mit einem ungehörten Seufzen zerfasern sie in der Luft.
Reste des grauen Staubes verharren noch eine Weile reglos, so als hofften sie auf eine Wiederaufnahme des Tanzes, bevor sie auf den Boden sinken und ihren Todesschlaf wieder aufnehmen.
Hin und wieder reckt sich das kahle Gerippe eines abgestorbenen Baumes oder Strauches in die nun reglose Stille, gleich einer unhörbaren Anklage.
Sinnlos geworden. Existieren doch jene nicht mehr, die Verantwortlich sind für den Zustand, in dem sich alles hier befindet.
Halt! Ein Irrtum!
Auch von diesen sind, versteckt, noch Reste irgendwo lebendig. Denn wandert der ziellos herumirrende Blick de Betrachters in dieser Wüste umher, wird er irgendwann auf das Ballhaus treffen. Verborgen in einem Tal, zu dem es nur einen einzigen Zugang gibt, liegt es, von einem Felssims beschirmt.
Ein ehemals weißer Bau, der nun in schummrigen Verfall übergeht. In seine Haut haben sich die Adern des Kalks an die Oberfläche gearbeitet; sein Gesicht ist vom Krebsgeschwür des Alterns verunstaltet.
Große Stücke des Verputzes sind herausgebrochen und zu einem Teil des alles bedeckenden Staubes geworden.
Manchmal -sehr selten - hat der Betrachter das Gefühl (nicht die Gewissheit), dass Schemen dort hinter den verschmutzten und teilweise zerstörten Fenstern herum huschen.
Vielleicht sind es nur Reflexe des ewig dämmrigen Lichtes das auf die Scheiben fällt und sie zu durchdringen sucht.
Manchmal glaubt der Betrachter Lichter von Kerzen hinter den zerschlissenen Gardinen wahrnehmen zu können.
Oder sind dies alles nur Erinnerungen an eine vergangene Zeit, die der Betrachter selbst erlebt hat?
Manchmal spürt er Töne einer sich ständig wiederholenden Melodie an seine Ohren dringen.
Niemals ist er sich dessen sicher. Kann es doch auch das Summen und Pfeifen des sich erhebenden Windes sein.
Bis jetzt hat der Betrachter es nicht gewagt, seine Aufmerksamkeit in das Innere des Gebäudes zu richten.
Um das Gebäude herum kennt er inzwischen jeden Stein. Kennt sogar jedes Staubkorn, weiß wie es hier aussieht, wenn das Licht der Sonne, durch den Staub in der Atmosphäre mannigfaltig gebrochen und gefiltert, alles in dämmrige, Depressionen erzeugende Helligkeit taucht. Kennt den Tümpel, welcher sich hinter dem Gebäude in einer Senke befindet, ganz genau. Hat er doch jeden einzelnen Tropfen dieses schwarzen, mitunter von lichtbrechenden, bundschillernden Lachen bedeckten Gewässers untersucht. Ist sogar schon bis zum Grund hinabgetaucht und schwebte dort in dieser nicht erhellbaren Finsternis.
Einmal glaubte der Betrachter einen Schatten wahrzunehmen, der sich mit einem Kelch in der Hand zum schwarzen Wasser hinabbeugte, den Kelch füllte und aus diesem trank, nachdem er ihn grüßend zum Himmel erhoben hatte.
Auch in diesem Fall war Sicherheit kein Teil der Wahrnehmung.
Immer waren Trauer und Trübsinn die Begleiter des namenlosen Betrachters. Sich seiner eigenen Natur nicht bewußt, suchte er sich in seiner Umgebung zu finden. Untersuchte, prüfte und urteilte über alles, was er fand. Konnte es aber niemals ergründen. Schreckte immer und immer wieder zurück, wenn er auf Fragmente traf, die von Denen-Die-Vorher-Waren zurückgelassen worden waren. Wurde aber mit ebenso großer Gewalt wie jene, die fern hielt, zum Ballhaus zurück gezogen.
Magie war es ! Ganz sicher!
Eine Magie, die keinen Namen für sich beanspruchte und auch keinen hatte. Ungefestigt und gewaltig war sie. Schwankungen unterworfen. War wie Ebbe und Flut, die es auch schon lange nicht mehr gab. Schwach, unwirklich erscheinend, erinnerte er sich daran, dass es einmal so etwas wie Ebbe, so etwas wie Flut gegeben hatte und daran, dass diese von einem Mond verursacht wurden, an den er ich mehr als nur widerwillig erinnerte.
Warum? — Warum?
Immer wieder fragte er sich, warum so vieles, dass er doch nicht benennen konnte, solche Emotionen in ihm erweckte.
Verwirrung war ein ständiger Bestandteil seines Wesens geworden. Sich der Ablenkung bewusst werdend, welcher er gerade erlegen war, als der Betrachter, der doch sein Wesen ausmachte, seinen Gefühlen und Gedanken nachgejagt war, konzentrierte er sich wieder auf das Ballhaus.
Diesmal, da er sich seiner Angst und auch seines Dranges zu Erkunden bewusst war, wollte der Betrachter seiner Neugierde und nicht seiner Angst gehorchen!
Kaum war dieser Gedanke an die Schwelle des Bewusstseins getreten, als ihn auch schon ein Schauer durchfuhr, gefolgt von dem nächsten, viel stärkeren Schauer, welcher von einem noch stärkeren überholt wurde.
Hätte der Namenlose einen Körper gehabt, so hätte er sich wohl mittels einiger tiefer Atemzüge zur Ruhe gezwungen.
Einstmals (hier war er ganz sicher), hatte er einen Körper mit allen seinen Vor- und Nachteilen, sein eigen genannt.
Jetzt jedoch...
Wann und bei welcher Gelegenheit hatte er seinen Körper verloren?
Wieder eine Sperre!
Würde (...) es jemals wagen, diese Grenze zu überschreiten?
Dass dies möglich war, dessen war er gewiss. Musste er doch kämpfen, damit diese Erinnerung nicht mit den bewussten Gedanken vermischt wurde.
Er hatte keine Angst vor Albträumen. Im Gegenteil. Mitunter wünschte er sie herbei. (Schlafen — wie schön müsste es sein, wieder einmal schlafen zu können.) Angst hatte (...) nur vor den Augenblicken, die dem Schlaf vorausgehen. (Ein Zustand, in dem er sich ständig befand.) Wenn Worte sich aus der Nervenmatrix lösen und blitzartig die Möglichkeiten des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen erhellen. Wie gerne wäre der angstvolle Geist in Albträume geflüchtet, in denen er wenigstens von der Welt und dem Verfall um ihn herum befreit wäre.
Ihm war dieser Fluchtweg verbaut. Wut. Hilflose Wut. Gegen nichts zu richtende Wut erfüllt (...) darauf hin.
Diese Momente, in denen er sein Leben beendet hätte, wäre noch Leben in ihm gewesen, trieben (...) in die Nähe der Verzweiflung und des Wahnsinns.
-Wahnsinn ist eine durchaus entwicklungsfähige Alternative-
Alle diese Gedanken und Assoziationen stürmten mit gezückten Schwertern und brennenden Fackeln in Sekundenbruchteilen durch (...s) gemarterten Geist.
Die Entscheidung war jedoch getroffen worden!
-Unwiderruflich...!?-
Diesmal gab es kein Zurück mehr. Wenn es schon kein Heute mehr gab, vielleicht eröffnete diese (noch nicht erfolgte) Handlung den Weg in ein Morgen?
-Wer weiß es? Weißt Du es?-
Sehnsucht nach Berührungen war es in Wirklichkeit, was (...) dazu veranlasst hatte, diese Entscheidung zu treffen. Irgendeine Berührung. Ganz gleich welcher Art. Hauptsache eine Berührung.
Nicht geboren in diesem körperlosen Zustand, hatte so etwas wie Gewöhnung daran nicht entstehen können.
"Der Ballsaal, der Ballsaal, der Ballsaal im Ballhaus...", trieb er sich voran. Zwang sich auf den Weg, den er als den seinen erkannt zu haben glaubte.
Mit der Verlagerung einer Aufmerksamkeit, änderte sich auch der Ort seines Aufenthalts. Nicht mehr trieb er wie ein Blatt dahin, sondern fand sich unter dem Felssims wider.
Gerade wollte er seine Aufmerksamkeit in das Innere des Gebäudes richten, als sie wieder abgelenkt wurde.
Auf den Klippen sah er Schatten sich nähern. Einen großen, männlich wirkenden Schatten und einen kleinen, zierlich wirkenden Schatten, die sich den schwer begehbaren Weg entlang schleppten. Einmal stolperte der kleinere und drohte zu stürzen. Woraufhin der größere ihn zu stützen versuchte und beinahe selber gestürzt wäre. Schließlich fanden beide doch ihr Gleichgewicht wieder und setzten ihren Weg -nun humpelnd- fort.
Hinter dem Paar folgte ein zweites, hinter dem zweiten ein drittes Paar. Jedes mal wiederholte sich das Geschehen. (...) kam es so vor, als sehe er eine sich endlos wiederholende Filmszene.
Ein viertes Paar folgte jedoch nicht.
-Begrenzte Unendlichkeit.-
"Dort sind sie, die Töchter und die erwachsnen Söhne!", suchte (...) zu artikulieren. Aber kein Laut wollte sich von seinen schemenhaften Lippen lösen. So blieb ihm nur zu denken, was nicht gesprochen werden konnte.
Schmerz durchzucke seinen substanzlosen Körper. Das Gefühl eines Verlustes sprang ihn an und suchte ihn zu zerreißen. Ein Seestern starb in dem Tümpel, der einst ein Meer gewesen war. Damit war es nun endgültig gekommen: das Ende der Gezeiten.
Kaum war dieses Gefühl Realität geworden, da befand sich (...) im innern des Ballhauses.Schock, Schmerz, Überraschung füllten sein Wesen aus. Ein stiller, langanhaltender Schrei brach aus (...) hervor und erschütterte die Seele des Gemäuers.
Der Himmel —rot— spiegelte sich in zerbrochenen Fensterscheiben. Das Radio spielte das Lied, welches er zu hören geglaubt hatte. Ein Paar (das erste?) betrat den Ballsaal und begann leise und versunken zu tanzen.
Harlekin und Columbine, mit Tränen im Gesicht, im Traum des Todes gefangen, spielten ihre Rolle. Immer und immer wieder.
Endlos.
Harlekin, Lippen bewegend, Posen einnehmend, dachte Worte für seine Liebe. Für Columbine. "Leere Bühne. Hier sind nur Du und ich."
Die Leere zwischen den Gedanken füllend, bewegte sich das Paar in den ritualisierten Formen des Tanzes. Columbine von der umgekehrten Metamorphose umhüllt, wurde zum goldenen Kelch, dem heiligen Gral. Den der Narr voll zu halten versuchte. Nicht glaubend, dass dieser Kelch wirklich jemals geleert werden könnte, suchte er zu erhalten und zerstörte dadurch.
Columbine, die erkennende Isis, lüftete den Schleier und sprach: "Trink leer Träumer, bald ist nichts mehr. Trink leer!"
Woraufhin Harlekin den Kelch ergriff und mit ihm zum Überbleibsel des Meeres lief und dort versuchte, diesen mit dem toten schwarzen Wasser zu füllen und den Kelch in der Tiefe verlor.

...tiefrot glosend schickt sich die Sonne an, hinter einer schroffen, von scharfkantigen Klippen gerahmten Bergkette zu versinken.

...eine öde, von keinem Grün unterbrochene Landschaft breitete sich vor dem Betrachter scheinbar endlos aus.

...verborgen in einem Tal, zu dem es nur einen einzigen Zugang gibt, liegt, von einem Felssims beschirmt, das Ballhaus.

...manchmal hat der Betrachter das Gefühl, dass dort Schemen umher huschen.

...manchmal glaubt er Lichter von Kerzen zu sehen und Töne einer sich ständig wiederholenden Melodie zu hören.

Niemals ist er sich dessen sicher!

...einmal glaubte der Betrachter einen Schatten wahrzunehmen, der mit einem Kelch in der Hand zu einem Tümpel hinter dem Ballhaus hinabstieg und dort aus dem Kelch trank.

Niemals jedoch war er sich über seine Wahrnehmung im Klaren- Die Antwort musste im Ballhaus zu finden sein, in das er niemals zu treten wagte.

-Warum?-

Als die Nägel durch die Wolken schlugen, begann der erste von den letzten Tagen.


© 1988 by FSH

Über mich

Mein Bild
Ich bin ein enthusiastischer Misantrop und Agniologe.