Sonntag, 2. August 2009

Bild 3 — Wege und Schritte

   Wege und Schitte

Von einer Sphinx geleitet, schritt das Kind die imaginäre Straße entlang. Um sie herum war – hier wird es schwierig – war das Nichts.

Ein Nichts, dass mit allem angefüllt war, das gedacht werden konnte und dennoch nichts anderes enthielt, als die Spiegelungen von Vorstellungen, die sich selbst nicht ernst nahmen. Auch nicht ernst genommen werden wollten.
So gesehen war Augenblicklich nur Schwärze, unergründlich und unauffüllbar um sie herum.
Angst und Furcht gehörten nicht in diese Welt, die ihre Realität aus der Imagination bezog.
Auch Zeit war nicht existent. Zeit braucht zu ihrer Bestätigung ein Etwas, an dem sie nagen kann. Ein Etwas, das die Berührung der Zeit auf seiner Haut spürt.
All das war nicht. Noch nicht.
Es zeigte sich nicht einmal ein noch so kleines Anzeichen dessen, was geschehen würde.
Eine nicht vergangene Zeitlang gingen die beiden so ungleichen Wesen auf dieser Straße durch die Unendlichkeit.
Kein Wort wurde gewechselt. Die Verständigung war absolut und sie bedienten sich lediglich aus der Freude an einer Lautmalerei heraus des gesprochenen Wortes.
Die Straße selbst war in einem ständigen Wandel. Manchmal wirkte sie wie ein lebendiges Wesen, verlief in nicht erwarteten Kurven und Schleifen. Dann wieder schien sie nicht existent zu sein. Mitunter dreht sie sich so, dass die beiden Wanderer mit dem Kopf nach unten durch den Kosmos zu wandeln schienen.
Der Junge schritt mit großen Augen und einem ständigen, doch nicht dümmlich wirkenden, Lächeln seinen Weg entlang. Der Sphinx war keinerlei Gemütsregung anzumerken.
Sie, die die Metamorphose, den ständigen Wandel und die Vereinigung von Phantasie und Traum versinnbildlichte, war das, was sie war.
Nichts anderes. Nicht mehr. Nicht weniger. Sie ruhte in sich, war im Einklang mit sich und der Welt, in der sie sich befand.
Irgendwann berührte das Kind aus einem wagen Impuls heraus einen Flügel der Sphinx, strich sanft mit seiner kleinen Hand über die in stetiger Veränderung befindlichen Farben der Facetten, welche die Oberfläche dieser Flügel bildeten, hob die Stimme und stieß sanft einige gurrende Laute aus.
Als es der Lautmalerei genug war und es wieder eine genügende Übung im Gebrauch der Sprache selbst zu haben glaubte, sprach es die Sphinx an: "Wann glaubst Du, kommen wir an unser Ziel?"
Durch die Erwähnung dessen, was es bisher nicht gegeben hatte, entstand die Zeit und begann ihr silbrig schimmerndes Haupt aus den Niederungen der Schöpfung zu heben.
Da es kein anderes Ziel gab an dem sie ihre Entstehung und Existenz beweisen konnte, begann an dem Kinde zu wirken und verging.
Das Kind bemerkte nichts von dem, was geschah. Die Sphinx, die wohl wahrnahm was da passierte, war Machtlos gegen dieses Geschehen. Wußte sie doch: dies war es, was sie ans Ziel bringen würde.
Sie selbst wurde von der Zeit nicht berührt. Sie stand außerhalb. Entfernte sich deshalb auch von dem Kind. Zwar war dieses Entfernen nicht räumlicher Natur – auch einen Raum gab es in diesem engen Sinne nicht.
Nach einem aus tiefster Seele aufsteigendem Seufzen, quälte sie sich eine Antwort ab und erwiderte dem Kind, wobei ihre Stimme dem Krächzen des Adlers, dem Miauen der Katze und dem Dröhnen des Donners glich: "Weder ahne, noch weiß ich es. Aber sei ohne Sorge, wir werden zur rechten Zeit ankommen."
Sorge und Trauer hüllten die Sphinx ein. Da nützte auch nicht das Wissen um die Notwendigkeit dessen, was geschehen musste.
In kindlicher Weise herumhüpfend und bar jeglicher Sorge, hüpfte das Kind einige Schritte voraus, hüpfte zurück und lief schließlich zum Rand der Straße.
Neugierig blickte es über den Abgrund und schreckte zurück. In seinem Gemüt geschahen seltsame Dinge. Nie gekannte und völlig fremde Emotionen davonfuhren es. Es hatte Angst!
Die Angst in diesen Abgrund zu stürzen. Die Angst das Ziel – um was es sich dabei auch immer handeln mochte – nicht mehr erreichen zu können.
Alle Freude und Leichtigkeit, die das Kind bis dahin ausgestrahlt und auch verinnerlicht hatte, zerfaserten wie ein Nebelgespinst im Sturm.
Blanke Panik spiegelte sich in seinen Augen. Es musste etwas geschehen. Und das schnell!
Mit von blindem Schrecken gefüllten Augen, rannte das Kind auf die Sphinx zu umklammerte als es sie erreicht hatte, die mit Fell bedeckte Vorderpranke und klammerte ich zitternd an sie: "Wir müssen etwas tun, damit wir nicht abstürzen. Wir müssen etwas tun! Hilf mir!", flehte es die Sphinx an.
Diese wiederum, von düsterem Vorwissen geplagt, seufzte erneut aus tiefstem Herzen und sprach, diesmal mit der Stimme eines sehr alten Mannes: "Du bist der Einzige, der etwas tun kann. Du bist der Einzige, der etwas tun will. Ich kann dich nicht abhalten zu tun, was getan werden muss." Nach diesen Worten hüllte sie sich in Schweigen und weigerte sich, den Mantel des Schweigens wieder abzulegen.
Zweifelnd und ratlos blickte das Kind zu dem seltsamen Wesen auf. Es verstand nicht was gemeint war. Der unendliche Raum des absoluten Verstehens, der bisher von ihnen ausgefüllt wurde, schrumpfte auf den Abstand zwischen Zunge und Gaumen zusammen.
Es gab kein Verstehen mehr.
Derweil hatte das Universum, so wie es das immer getan hatte, die Gefühle und Vorstellungen seiner Bewohner umgesetzt und war finster und bedrohlich geworden.
Dieses Widerspiegeln der inneren Zustände verstärkte eben genau diese Emotionen, die verantwortlich waren für die Panik des Jungen.
Eine nie gekannte Dunkelheit umfing beide. Das Erschrecken steigerte sich in ungeahnte Dimensionen. Schwang sich in Tiefen hinab, die nur in Seelen zu finden sind.
Noch war sich der Junge seiner Kraft der Vorstellung bewusst und so setzte er den Rest dessen, was ihm verblieben war ein um sich aus der Panik zu reißen: "Ein Licht!", rief er, "wir brauchen ein Licht, das unseren Weg erleuchtet."
Kaum waren diese Worte gebildet, als ein feuriger Ball erschien, der alles mit einem vermischten, nicht mehr so klar unterscheidbaren Licht, wie es das der Imagination war, überschüttete.
"Ha!", rief der Heranwachsende der Finsternis entgegen.
"Dich habe ich besiegt. Du kannst mich nicht mehr schrecken. Ich habe Dich überwunden."
Er wollte sich zur Sphinx wenden und erschrak erneut. Das Bild der Sphinx verblasste deutlich. Schon war sie nur noch ein Schemen. Der dunkle Raum hinter ihr durchdrang bereits den grotesken Körper.
"Verlasse mich nicht!", schrie der Heranwachsende.
Schweigen.
In seinem Innersten öffneten sich Felsen und ein Strom von Schmerz und Leid brach aus den Augen des Kindes hervor. Die ersten Tränen wurden geweint. Verlassenheit stieg aus den Schluchten empor und wurde zu etwas greifbarem. Überfiel das Kind und setzte sich in ihm fest, weigerte sich, es jemals wieder los zu lassen.
Zwar waren noch schemenhafte Schatten der Sphinx erkennbar, die Kommunikation jedoch war endgültig, so schien es, abgebrochen.
Egal was sein Ziel sein mochte, der Heranwachsende verspürte jetzt nur noch den Drang, sich zu verstecken. Nicht mehr auf dieser, doch sehr unsicher erscheinenden Straße gehen zu müssen. Er erschuf die Vorstellung einer riesigen Kugel, groß genug um sich drauf sicher bewegen zu können.
Um alle Dinge die er geschaffen hatte an sich zu binden, benannte er alles mit einem eigenen Namen. Nicht ahnend, damit eine Falle aufzubauen, die nur unter ungewöhnlichen Anstrengungen, falls überhaupt, wieder überwunden werden konnte.
Die leuchtenden Kugel nannte er Sonne. Die kleinere, auf der er zu wandeln gedachte, nannte er Erde.
In jenem Augenblick, in welchem er seinen Fuß auf die Erde setzte, hörte die Straße auf zu bestehen. Sie hatte keinen Sinn mehr.
Die Zeit, das brodelnde Ungetüm bemerkte augenblicklich die Veränderung welche vor sich ging und dehnte seinen Herrschaftsbereich bis zu äußersten Grenze aus. Umfing und durchdrang alles, was es bis jetzt gab.
Es sollte kein entrinnen mehr möglich ein. Nie mehr wollte sie auf ihr Sein verzichten.
Nagend, fressend und auflösend, wie es ihrer Natur entsprach, unterwarf sie sich den Lauf der Dinge und nannte sich Entropie.
Kaum war der Fuß des jungen Mannes auf den Boden der Welt getreten, so bemerkte er, dass sein Körper sich nicht mehr mit der Leichtigkeit bewegen ließ, wie er es gewohnt war.
Schwerkraft hatte sich seines Körpers bemächtigt und zerrte an ihm.
Doch nicht nur am Körper des Mannes zerrte die Gravitation. nein, auch sie, gleich der Zeit, wollte sich beweisen und dehnte ihren Einflussbereich aus: Sie schob an dem Planeten, drückte an der Sonne und erschuf ein fast unlösbares Band. Fesselte den Mann an einen viele tausend Kilometer tiefen Grund und wollte ihre Beute nie mehr los lassen.
Obwohl sie immer noch anwesend war, war von der Sphinx nichts mehr zu sehen. Nur schwach schien sich noch der Klang einer Persönlichkeit in diesem Gefängnis erahnen zu lassen.
Durch das Zerren der Schwerkraft wurde die Welt in Drehung versetzt. So geschah es langsam, doch deutlich wahrnehmbar, an Licht verlor, da sie sich von der Sonne abwandte. Der Mann bemerkte dies und wieder kroch Furcht in ihm hoch. Was sollte er nur tun?
Es schien kaum eine Fluchtmöglichkeit vor dieser Dunkelheit zu geben.
Noch hatten ihn die Kräfte der Imagination nicht völlig verlassen und so sammelte er seine Reserven und schuf wiederum einen Körper. Einen Körper, der das Licht der Sonne auffangen und zu ihm hinabstrahlen sollte.
Wie er es gewollt hatte, geschah es.
Unfähig wie er es war, sich aus dem Gewebe, in das er sich gewickelt hatte, wieder zu befreien, verlieh es auch diesem Himmelkörper einen Namen. Er nannte ihn Mond.
Alles sollte an ihn gebunden sein. Nichts durfte ohne ihn existieren können. Nur so konnte er sich sicher fühlen.
Um sich selbst zu binden, gab er auch sich selbst einen Namen: "Ich bin GOTT!", so sprach er und fesselte damit sich selbst an den Schein einer Wirklichkeit, die er bisher erlebt und geliebt hatte.
Nun, nachdem alles, was vorhanden war, in das Netz mit eingebunden war, gedachte er mehr zu erschaffen. Wollte Pflanzen, Tiere und alles, was er sich vorstellen konnte, auf dieser Erde versammeln.
Wie in einem Spiel erschuf er das Leben, erschuf auch den Tod. Erschuf das Wachstum und den Niedergang. Nichts wurde ausgelassen. Nichts wurde vergessen.
Verbunden mit der Zeit, war auch die Erinnerung in die Welt des Seienden gelangt.
Der einzige jedoch, der eine Vergangenheit hatte, war der Greis, der alles erschaffen hatte. Er war nun ihr Betätigungsfeld.
GOTT erinnerte sich. Erinnerte sich an den Bereich seines Sein, den es vor der Zeit gegeben hatte. Erinnerte sich an die Sphinx. Seinen Ratgeber und Begleiter. Gedachte nun, da das Spiel seinen Reiz verloren hatte, wieder heimzukehren ins Leben. Musste aber feststellen, dass er sich in allen seinen Träumen und Schöpfungen verlaufen hatte. Fand den Weg zurück nicht mehr.
In diesem Moment der höchsten Verzweiflung fanden die Reste der Sphinx einen Weg, sich dem Verlorenen zu offenbaren: "Du musst den Traum, in welchem du gefangen bist, wieder auflösen.", sprach sie.
"Wie soll ich das tun?", fragte GOTT zurück. "Ich finde den Anfang nicht mehr."
"Teile dich!", erklang der Hauch einer Eingebung von der Sphinx.
Und so geschah es.

© 1988 by FSH

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