Samstag, 18. Juli 2009

Bild 0 — Intermezzo

Intermezzo


Dunkel, schwer und drückend ist die Nacht. Spreche das Mantra, welches die Ruhe bringt.Gefangen nimmt sie mich. Lässt keinen Raum mehr für Gedanken. Ein langsames, doch stetiges Hinabgleiten ist es, was mich mir näher zu bringen vermag.
Schemen, Wesen- und materielos durchziehen meine visuelle und auditive Wahrnehmung. Hin und wieder will es mir so scheinen, als seien diese Schimären bereit, sich zu etwas Greifbarem zu verdichten.
Aber kurz, sehr kurz vor diesem Teil eines Augenblicks, in dem sie fassbar wären, zerfasern sie im Sturm meiner Ungeduld.
Monoton dring das Schalgen meines Herzens in die Bewusstseinssphären vor, wo Erkennen seinen Sitz eingenommen hat. Ich erkenne den Rhythmus meines Lebens. Eintönig aber doch nicht langweilig.
Das Pulsieren meines Blutes öffnet Tore zu Bereichen, vor denen ich ansonsten zurückweiche. Zu Bereichen, die zuzulassen ich noch nicht gefestigt genug bin.
Erinnerungsfetzen verdichten sich zu Bildern, die wiederum zu lebendigen Begebenheiten werden.

...wieder ist es Abend. Der Tag begrüßt mehr oder weniger freudig seinen Henker und Nachfolger. Sanft, doch mit Nachdruck und Unaufhaltsam breitet sich die Nacht aus. Tötet das Licht in der Mitte der Straße. Wolken ballen sich. Schließen das Tor zu Himmel durch ihre Existenz.
Ein leichter Nieselregen setzt ein und bedeckt alles mit einem schmierigen Film verunreinigter Nässe.
Regen in der Nacht. Regen in den Straßen. Ich muss jetzt weitergehen. Immer weiter gehen. Es gibt kein Halten mehr. Zu weit diesmal, viel zu weit habe ich es getrieben. Der Kopf platzt. Mir ist schlecht!
Mechanisch wie ein Automat, bewegen sich meine Beine. Setzen Fuß vor Fuß. Schreiten unbeteiligt und unberührt durch die weinende Stadt.
Wie vermisse ich deine Gegenwart.
Die Anwesenheit einer Person, die dir gleicht.
Einstmals gab es dich. Doch dies wird nie mehr sein. In den trüben Himmel gestreckt waren die Finger deiner alten und verbrauchten Hände. Verkrampft die Gelenke, so als sei ihnen etwas sehr wertvolles entrissen worden. Gebrochen die Augen. Sie nahmen keine Notiz mehr von der Welt.
Kälte und Schmerz schleichen in meine Adern, lassen das Blut nur noch stokend fließen. Rauben dem Atem die belebenden Bestandteile.
Lass mich in dich kriechen. Tief hinein und halte mich wie ein Kind, das sich vor der Dunkelheit fürchtet und immer noch nicht schlafen will.
Telegrafendräte spannen sich zwischen den Dächern und verbreiten durch den Regen dazu gebracht, ihren Sirenengesang.
Klein und leicht. Zart fast, sah ich den Körper, der dich einstmals beherbergte, mir folgen.
So sehr mir auch deine Nähe fehlt, so sehr erschreckt mich doch dieses Bild des Vergangenen.
Einst teilten unsere Zeit. Einst teilten wir den kleinen Raum. Teilten Gedanken, Visionen, Gefühle und auch Zuneigung. Jetzt befindest du dich außerhalb der Reichweite meines bescheidenen Wahrnehmens.
Wie zurückerhalten, was zerbrach, bevor es bestand annehmen konnte? ...

Nebelschleier lichten sich vor meinen Augen und lassen mich den Ort erkennen, an den gelangt bin.
Hier war ich schon einmal.
War hier, als Erde und Schlamm sich mischten. Sah einen Schrein aus schwarzem Holz, der zu deiner letzten Ruhestätte geworden war. Spürte jeden Zentimeter den sie dich in die Tiefe senkten, auch mich von dieser Welt gehen.
Vor meinem Auge, das nicht das Materielle schaut, entsteht ein Gesicht, welches dem deinen gleicht. Die Augenhöhlen sind leer.Blicklose Abgründe tun sich auf, die mich gleichsam zwanghaft anziehen. In sie stürze ich hinein. Verliere die letzte Bindung an diese Welt. Trudelnd stürze ich in die Finsternis. Gehe freiwillig in die Schwärze, die sich als Ausdruck des Seins manifestiert, in dem ich zu existieren gezwungen bin.
Niemals mehr, so glaube ich, wird die schmerzende Helligkeit des Lichts mich aus dem Bewusstseins des Verlustes reißen können.
Nun kann es kommen: Dass Leben und versuchen, mich wieder zurückzuholen in eine Welt, die nicht die meinige ist. Und die nicht mehr die unsrige sein wollte.
Zähflüssig wie sich verdickendes Blut, tröpfelt das Leben aus mir heraus. Bring mich Bereichen näher, die nun deine Heimat sind.
Weit vor mir bildet sich ein verwaschener, schmieriger Fleck eines diffusen Lichtes. Inmitten dieses Lichtes steht eine Gestalt, die der deinen zu gleichen scheint.
Sie bewegt ihre Arme in deiner abwehrenden Geste.
"Geh zurück!", ist der Inhalt dessen, was dieses Schemen, das du nun bist, mir mitteilen will.
"Wir können einander nicht verlieren."

Mit dem Nachklang dieser Worte erwache ich und bin wieder bereit, den nächsten Schritt auf der Straße des Lebens zu gehen.

© 1989 FSH

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