Sonntag, 5. Juli 2009

Bild 1 — Der Wächter

   Der Wächter

Tiefrot glosend schickt sich die Sonne an, hinter einer schroffen, von scharfkantigen Klippen gerahmten Bergkette zu versinken. Eine öde, von keinem Grün unterbrochene Landschaft breitet sich vor dem Betrachter scheinbar unendlich aus.
Staubwolken verbinden sich manchmal zu Wirbeln und wagen einen kurzen, hektischen Tanz über die Ödnis. Schnell erschöpft von ihrem Treiben, lösen sie sich wieder voneinander und mit einem ungehörten Seufzen zerfasern sie in der Luft.
Reste des grauen Staubes verharren noch eine Weile reglos, so als hofften sie auf eine Wiederaufnahme des Tanzes, bevor sie auf den Boden sinken und ihren Todesschlaf wieder aufnehmen.
Hin und wieder reckt sich das kahle Gerippe eines abgestorbenen Baumes oder Strauches in die nun reglose Stille, gleich einer unhörbaren Anklage.
Sinnlos geworden. Existieren doch jene nicht mehr, die Verantwortlich sind für den Zustand, in dem sich alles hier befindet.
Halt! Ein Irrtum!
Auch von diesen sind, versteckt, noch Reste irgendwo lebendig. Denn wandert der ziellos herumirrende Blick de Betrachters in dieser Wüste umher, wird er irgendwann auf das Ballhaus treffen. Verborgen in einem Tal, zu dem es nur einen einzigen Zugang gibt, liegt es, von einem Felssims beschirmt.
Ein ehemals weißer Bau, der nun in schummrigen Verfall übergeht. In seine Haut haben sich die Adern des Kalks an die Oberfläche gearbeitet; sein Gesicht ist vom Krebsgeschwür des Alterns verunstaltet.
Große Stücke des Verputzes sind herausgebrochen und zu einem Teil des alles bedeckenden Staubes geworden.
Manchmal -sehr selten - hat der Betrachter das Gefühl (nicht die Gewissheit), dass Schemen dort hinter den verschmutzten und teilweise zerstörten Fenstern herum huschen.
Vielleicht sind es nur Reflexe des ewig dämmrigen Lichtes das auf die Scheiben fällt und sie zu durchdringen sucht.
Manchmal glaubt der Betrachter Lichter von Kerzen hinter den zerschlissenen Gardinen wahrnehmen zu können.
Oder sind dies alles nur Erinnerungen an eine vergangene Zeit, die der Betrachter selbst erlebt hat?
Manchmal spürt er Töne einer sich ständig wiederholenden Melodie an seine Ohren dringen.
Niemals ist er sich dessen sicher. Kann es doch auch das Summen und Pfeifen des sich erhebenden Windes sein.
Bis jetzt hat der Betrachter es nicht gewagt, seine Aufmerksamkeit in das Innere des Gebäudes zu richten.
Um das Gebäude herum kennt er inzwischen jeden Stein. Kennt sogar jedes Staubkorn, weiß wie es hier aussieht, wenn das Licht der Sonne, durch den Staub in der Atmosphäre mannigfaltig gebrochen und gefiltert, alles in dämmrige, Depressionen erzeugende Helligkeit taucht. Kennt den Tümpel, welcher sich hinter dem Gebäude in einer Senke befindet, ganz genau. Hat er doch jeden einzelnen Tropfen dieses schwarzen, mitunter von lichtbrechenden, bundschillernden Lachen bedeckten Gewässers untersucht. Ist sogar schon bis zum Grund hinabgetaucht und schwebte dort in dieser nicht erhellbaren Finsternis.
Einmal glaubte der Betrachter einen Schatten wahrzunehmen, der sich mit einem Kelch in der Hand zum schwarzen Wasser hinabbeugte, den Kelch füllte und aus diesem trank, nachdem er ihn grüßend zum Himmel erhoben hatte.
Auch in diesem Fall war Sicherheit kein Teil der Wahrnehmung.
Immer waren Trauer und Trübsinn die Begleiter des namenlosen Betrachters. Sich seiner eigenen Natur nicht bewußt, suchte er sich in seiner Umgebung zu finden. Untersuchte, prüfte und urteilte über alles, was er fand. Konnte es aber niemals ergründen. Schreckte immer und immer wieder zurück, wenn er auf Fragmente traf, die von Denen-Die-Vorher-Waren zurückgelassen worden waren. Wurde aber mit ebenso großer Gewalt wie jene, die fern hielt, zum Ballhaus zurück gezogen.
Magie war es ! Ganz sicher!
Eine Magie, die keinen Namen für sich beanspruchte und auch keinen hatte. Ungefestigt und gewaltig war sie. Schwankungen unterworfen. War wie Ebbe und Flut, die es auch schon lange nicht mehr gab. Schwach, unwirklich erscheinend, erinnerte er sich daran, dass es einmal so etwas wie Ebbe, so etwas wie Flut gegeben hatte und daran, dass diese von einem Mond verursacht wurden, an den er ich mehr als nur widerwillig erinnerte.
Warum? — Warum?
Immer wieder fragte er sich, warum so vieles, dass er doch nicht benennen konnte, solche Emotionen in ihm erweckte.
Verwirrung war ein ständiger Bestandteil seines Wesens geworden. Sich der Ablenkung bewusst werdend, welcher er gerade erlegen war, als der Betrachter, der doch sein Wesen ausmachte, seinen Gefühlen und Gedanken nachgejagt war, konzentrierte er sich wieder auf das Ballhaus.
Diesmal, da er sich seiner Angst und auch seines Dranges zu Erkunden bewusst war, wollte der Betrachter seiner Neugierde und nicht seiner Angst gehorchen!
Kaum war dieser Gedanke an die Schwelle des Bewusstseins getreten, als ihn auch schon ein Schauer durchfuhr, gefolgt von dem nächsten, viel stärkeren Schauer, welcher von einem noch stärkeren überholt wurde.
Hätte der Namenlose einen Körper gehabt, so hätte er sich wohl mittels einiger tiefer Atemzüge zur Ruhe gezwungen.
Einstmals (hier war er ganz sicher), hatte er einen Körper mit allen seinen Vor- und Nachteilen, sein eigen genannt.
Jetzt jedoch...
Wann und bei welcher Gelegenheit hatte er seinen Körper verloren?
Wieder eine Sperre!
Würde (...) es jemals wagen, diese Grenze zu überschreiten?
Dass dies möglich war, dessen war er gewiss. Musste er doch kämpfen, damit diese Erinnerung nicht mit den bewussten Gedanken vermischt wurde.
Er hatte keine Angst vor Albträumen. Im Gegenteil. Mitunter wünschte er sie herbei. (Schlafen — wie schön müsste es sein, wieder einmal schlafen zu können.) Angst hatte (...) nur vor den Augenblicken, die dem Schlaf vorausgehen. (Ein Zustand, in dem er sich ständig befand.) Wenn Worte sich aus der Nervenmatrix lösen und blitzartig die Möglichkeiten des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen erhellen. Wie gerne wäre der angstvolle Geist in Albträume geflüchtet, in denen er wenigstens von der Welt und dem Verfall um ihn herum befreit wäre.
Ihm war dieser Fluchtweg verbaut. Wut. Hilflose Wut. Gegen nichts zu richtende Wut erfüllt (...) darauf hin.
Diese Momente, in denen er sein Leben beendet hätte, wäre noch Leben in ihm gewesen, trieben (...) in die Nähe der Verzweiflung und des Wahnsinns.
-Wahnsinn ist eine durchaus entwicklungsfähige Alternative-
Alle diese Gedanken und Assoziationen stürmten mit gezückten Schwertern und brennenden Fackeln in Sekundenbruchteilen durch (...s) gemarterten Geist.
Die Entscheidung war jedoch getroffen worden!
-Unwiderruflich...!?-
Diesmal gab es kein Zurück mehr. Wenn es schon kein Heute mehr gab, vielleicht eröffnete diese (noch nicht erfolgte) Handlung den Weg in ein Morgen?
-Wer weiß es? Weißt Du es?-
Sehnsucht nach Berührungen war es in Wirklichkeit, was (...) dazu veranlasst hatte, diese Entscheidung zu treffen. Irgendeine Berührung. Ganz gleich welcher Art. Hauptsache eine Berührung.
Nicht geboren in diesem körperlosen Zustand, hatte so etwas wie Gewöhnung daran nicht entstehen können.
"Der Ballsaal, der Ballsaal, der Ballsaal im Ballhaus...", trieb er sich voran. Zwang sich auf den Weg, den er als den seinen erkannt zu haben glaubte.
Mit der Verlagerung einer Aufmerksamkeit, änderte sich auch der Ort seines Aufenthalts. Nicht mehr trieb er wie ein Blatt dahin, sondern fand sich unter dem Felssims wider.
Gerade wollte er seine Aufmerksamkeit in das Innere des Gebäudes richten, als sie wieder abgelenkt wurde.
Auf den Klippen sah er Schatten sich nähern. Einen großen, männlich wirkenden Schatten und einen kleinen, zierlich wirkenden Schatten, die sich den schwer begehbaren Weg entlang schleppten. Einmal stolperte der kleinere und drohte zu stürzen. Woraufhin der größere ihn zu stützen versuchte und beinahe selber gestürzt wäre. Schließlich fanden beide doch ihr Gleichgewicht wieder und setzten ihren Weg -nun humpelnd- fort.
Hinter dem Paar folgte ein zweites, hinter dem zweiten ein drittes Paar. Jedes mal wiederholte sich das Geschehen. (...) kam es so vor, als sehe er eine sich endlos wiederholende Filmszene.
Ein viertes Paar folgte jedoch nicht.
-Begrenzte Unendlichkeit.-
"Dort sind sie, die Töchter und die erwachsnen Söhne!", suchte (...) zu artikulieren. Aber kein Laut wollte sich von seinen schemenhaften Lippen lösen. So blieb ihm nur zu denken, was nicht gesprochen werden konnte.
Schmerz durchzucke seinen substanzlosen Körper. Das Gefühl eines Verlustes sprang ihn an und suchte ihn zu zerreißen. Ein Seestern starb in dem Tümpel, der einst ein Meer gewesen war. Damit war es nun endgültig gekommen: das Ende der Gezeiten.
Kaum war dieses Gefühl Realität geworden, da befand sich (...) im innern des Ballhauses.Schock, Schmerz, Überraschung füllten sein Wesen aus. Ein stiller, langanhaltender Schrei brach aus (...) hervor und erschütterte die Seele des Gemäuers.
Der Himmel —rot— spiegelte sich in zerbrochenen Fensterscheiben. Das Radio spielte das Lied, welches er zu hören geglaubt hatte. Ein Paar (das erste?) betrat den Ballsaal und begann leise und versunken zu tanzen.
Harlekin und Columbine, mit Tränen im Gesicht, im Traum des Todes gefangen, spielten ihre Rolle. Immer und immer wieder.
Endlos.
Harlekin, Lippen bewegend, Posen einnehmend, dachte Worte für seine Liebe. Für Columbine. "Leere Bühne. Hier sind nur Du und ich."
Die Leere zwischen den Gedanken füllend, bewegte sich das Paar in den ritualisierten Formen des Tanzes. Columbine von der umgekehrten Metamorphose umhüllt, wurde zum goldenen Kelch, dem heiligen Gral. Den der Narr voll zu halten versuchte. Nicht glaubend, dass dieser Kelch wirklich jemals geleert werden könnte, suchte er zu erhalten und zerstörte dadurch.
Columbine, die erkennende Isis, lüftete den Schleier und sprach: "Trink leer Träumer, bald ist nichts mehr. Trink leer!"
Woraufhin Harlekin den Kelch ergriff und mit ihm zum Überbleibsel des Meeres lief und dort versuchte, diesen mit dem toten schwarzen Wasser zu füllen und den Kelch in der Tiefe verlor.

...tiefrot glosend schickt sich die Sonne an, hinter einer schroffen, von scharfkantigen Klippen gerahmten Bergkette zu versinken.

...eine öde, von keinem Grün unterbrochene Landschaft breitete sich vor dem Betrachter scheinbar endlos aus.

...verborgen in einem Tal, zu dem es nur einen einzigen Zugang gibt, liegt, von einem Felssims beschirmt, das Ballhaus.

...manchmal hat der Betrachter das Gefühl, dass dort Schemen umher huschen.

...manchmal glaubt er Lichter von Kerzen zu sehen und Töne einer sich ständig wiederholenden Melodie zu hören.

Niemals ist er sich dessen sicher!

...einmal glaubte der Betrachter einen Schatten wahrzunehmen, der mit einem Kelch in der Hand zu einem Tümpel hinter dem Ballhaus hinabstieg und dort aus dem Kelch trank.

Niemals jedoch war er sich über seine Wahrnehmung im Klaren- Die Antwort musste im Ballhaus zu finden sein, in das er niemals zu treten wagte.

-Warum?-

Als die Nägel durch die Wolken schlugen, begann der erste von den letzten Tagen.


© 1988 by FSH

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Ich bin ein enthusiastischer Misantrop und Agniologe.