Sonntag, 12. Juli 2009

Bild 2 — Im innern des Regenbogens

   Im innern des Regenbogens

Ich durchquere das Wohnzimmer und schalte das Fernsehgerät aus. Du schaust mich an, mit deinen schönen blauen Augen. Es ist ein gutes Gefühl, hier in deiner Nähe zu sein. Es tut gut, deine liebkosenden Arme zu spüren.
Weit entfernt hören wir Auto fahren. Das Geräusch zerfasert im Grau der Nacht.
Deine Worte umtanzen mich wie schillernde Sektperlen. Kein Laut kann das Gefühl wiedergeben, das uns umschlungen hält. Worte brauchen wir nicht. Unsere Seelen verschmelzen zu einer. Wir lassen Worte sinnentleert in der Luft tanzen.
Da nur der Wahnsinnige absolut sicher sein kann, geben wir uns ihm hin, dem Wahnsinn der Liebe.
Denn das ist alles was wir sagen, alles von dem wir erfüllt sind, ist: "Ich liebe Dich. Du liebst mich!", ohne Zweifel und ohne Rückhalt.
Die Gewissheit des Wahnsinns ist in uns.

Der Mond klettert am Firmament empor und bedeckt alles mit seinem silbernen Schein. Unerwartet und plötzlich tritt der Wandel ein: Silber wird zu rot. Gleicht geronnenem Blut. Ohne unser Wollen erfasst der Wandel auch uns.
Du entfernst Dich von mir. Oder — entferne ich mich von dir?
Nein. Ich will nicht fort! Nicht fort von deinen blauen Augen — nicht fort von der Liebe zu dir.
— Du bist nicht mehr da.
— Ich bin nicht mehr da.
Die Nacht, die furchterfüllende, hüllt mich in ihr modriges Leichentuch und droht mich zu ersticken. Die Luft bleibt mir weg. "O Atem, was würde ein armer Junge nicht alles für einen tiefen Atemzug tun?"
Farbige Kreise rotieren vor meinen Augen. Wer hilft? Wo bist du? Meine letzten Gedanken sollen dir gehören. Du sollst noch vor meinem Leben stehen!
So schwinden mir die Sinne. Ich verliere mich in der Finsternis. Bin nicht mehr ich. Habe keine Hoffnung mehr, jemals zurück zu kehren.
Unzählige Äonen vergehen, während ich angsterfüllt, den Kummer beweinend, in Bewusstlosigkeit verharre. Schließlich nimmt doch fast alles ein Ende und so sammeln sich die Atome des Körpers, der einstmals der meinige war und schaffen das längst Vergangene neu.

Auf kaltem Wüstenboden liegend, mit Augen, die starr den rot leuchtenden Mond fixieren, findet das Bewusstsein doch noch den zu ihm gehörenden Körper wieder, versenkt sich in ihn und lässt mich erwachen.
Voller Zweifel und schwankend erhebe ich mich und es scheint, als bereite sich die Welt auf ihre letzten Tage vor.
Unvermittelt dringt ein Klang zu mir vor: Das Getrampel von Pferdehufen auf blankem Metall. Mein Blick, immer noch zum Himmel gewendet, fängt einen flüchtigen Schatten ein. Ein Pferd ohne Kopf, mit diamantenen Hufen stürmt auf den Mond zu. Ein blutiger Abglanz seines früheren seins.
Ohne im Laufen inne zu halten wächst der Schatten beinahe endlos an. Der glitzernde Huf trifft auf den Mond, der am Himmel zerbirst, wie ein wertloses Kleinod.
Trümmer des Mondes – blutrot – stürzen rechts und links von mir zu Boden. Als sie aufprallen, verwandeln sie sich in Seen aus Blut, Kochend überschäumt mich die Gischt. Verbrennt das Fleisch welches ich trage. Auf einer Anhöhe, nicht weit entfernt, sehe ich Einstein sitzen. Er schaut herüber und schwitzt. Versteht sich selbst und die Welt nicht mehr.
Trauer, die schwarz umhüllte Frau, schneidet unter Tränen Furchen in sein Gesicht. Während ich mit der mich überfallenden Übelkeit ringe, erhellt sich plötzlich sein Antlitz: "Ich habe die Lösung!", erklingt seine Stimme. Von Freude umfasst, die mild golden schimmert, umtanzt er den Stein, auf dem er gerade noch saß.
Nach einer Weile des Tanzens, heftig nach Luft ringend und immer wieder von Lachen geschüttelt, ruft er schließlich aus: "Genau das ist der Sinn des gesunden Menschenverstandes", bricht in Tränen aus und flüstert, "verrückt zu werden."
Kaum sind diese Wort geflüstert, als GOTT auf ihn zutritt, der leise aus Shakepears King Lear zitiert: "Was Fliegen sind für tückevolle Knaben, sind wir den Göttern. Sie töten uns zum Spaß."
Als die Worte der HÖCHSTEN verklungen, bemerkt dieser Einstein, der wieder auf seinem Stein sitzt und von Ehrfurcht erfüllt zu GOTT aufschaut.
Mit einem freundlichen Lächeln erhebt GOTT seine rechte Hand, spreizt den Daumen ab und zerquetscht das Genie auf dem Stein.
Nun gewinnt die Übelkeit doch Oberhand und ich bin gezwungen, mich zu übergeben.
Bunte geometrische Figuren, die von innen her leuchten, bahnen sich den Weg aus meinem Munde. Vieles von dem, was mich ausmacht, ist nun für immer gegangen.
Die geometrischen Körper verbinden sich zu Kalaydozyklen, die ständig ihre Form ändern und sich selbst umkreisen. Schließlich wird das Kreiseln so schnell, dass ein Sog entsteht. Ein finsterer Schlund, in den ich stürze.
Wirbelnd und mich überschlagend, falle ich in das Zentrum des Strudels. Dort treffe ich auf eine Wand, die wie Glas zerbirst, als ich gegen sie geschleudert werde. Die Splitter rasen mit einer ungeheuren Geschwindigkeit nach allen Seiten davon. Es scheint, als seien die Scherben und mein Körper magnetisch Gleichpolig und stießen sich ab. Ständig überschlagend, drehe ich mich um meine eigene Achse. Trudle durch die Finsternis. Mein auditives und visuelles Wahrnehmen kippt um. Verkehrt sich in sein Gegenteil. Was hell war ist nun schwarz. Grauwerte existieren nicht mehr. Zu hören sind nur die Unterbrechungen im Tosen, das mich umgibt. Die Zeit scheint still zu stehen während ich mich um mich selbst drehe.
Ohne Vorwarnung erscheint wieder fester Boden unter meinen Füßen. Mein Gleichgewicht ist gestört. In meinem Kopf arbeitet ein Hammerwerk und droht, ihn zum zerplatzen zu bringen. Der Schmerz ist unerträglich!
Will fliehen, weiß aber nicht wohin.
Blind, mit Augen voller Tränen, stürze ich fort von diesem Ort. Es ist gleich wohin. Hauptsache ist, dass ich mich von hier entferne. Stolpernd und immer wieder strauchelnd, falle ich mehr voran, als das ich gehe.
Wie lange die Flucht andauert ist nicht fassbar. Fassbar ist jedoch das Hindernis, gegen das ich stoße. Der Schock des Aufpralls lässt etwas einrasten. Das Mosaik des Denkens fügt sich wieder zu einem verständlichen Muster zusammen.
Riesig und rot steht die Sonne, den halben Himmel ausfüllend, dicht am Horizont. Geht sie auf, oder geht sie unter? O wie hoffe ich, dass sie im Aufgehen begriffen ist. Den Blick von dem Entfernten wendend, bemerke ich eine Gestalt, gleich einem Schattenriss. Geflügelt ist sie und schaut mich mit brennenden Augen an. Zornige Blicke schießen aus ihnen. Offensichtlich war die Gestalt das Hindernis, auf welches ich traf.
Die Flügel schlagen wild und bringen die Luft zum brodeln. Es kaum noch möglich aufrecht stehen zu bleiben, so sehr zerren die vom Geflügelten erzeugten Böen an mir.
"Hör auf. Es tut mir leid!", rufe ich gegen den Orkan an.
Es ist nicht sicher, ob der Geflügelte mich überhaupt hören kann. Urplötzlich er er auf mit den Flügeln zu schlagen. Das unerwartete Fehlen des Windes gegen den ich mich stemme, lässt mich noch einmal fallen. Schwer stürze ich dem Boden entgegen, doch kurz vor dem Aufschlagen umfasst ein fast schmerzhafter Griff meinen Bizeps und ich werde in die Höhe gerissen. Der Boden entschwindet in der Tiefe. Gleich einer Maus in den Fängen des Adlers werde ich fort getragen. Was mag das Ziel dieser unfreiwilligen Reise sein?
"Du musst die Zeichen deuten in diesem Land.", schwebt eine krächzende Stimme heran. "Hier gibt es kein wer, was wann oder wohin. Hier musst du an den Zeichen erkennen was mit dir wird! Deine Vorstellungen und dein Innerstes bestimmen immer, was mit dir geschieht."
Der Geflügelte spricht.
Es ist das erste Mal, dass mir eine Stimme begegnet, seit ich dich verlor. Doch es ist kein Trost, was aus diesem seltsamen Wesen spricht. Es ist eine Feststellung dessen, was um mich herum passiert. Was soll ich anfangen mit dieser Erklärung? Wie soll und kann ich mein Innerstes ordnen, damit ich zurückkehren kann zu dir? Ich weiß es nicht, doch es sammelt sich die Gewissheit, dass es einen Weg zurück geben muss.
Die Landschaft rast unter uns vorbei. Täler und Hügel wechseln sich nach einem nicht erkennbaren Muster ab. Ausgetrocknete Flußbette zerreißen die Landschaft der Ödnis mit ihren verschlungenen Linien.
Wir nähern uns einem Gebirge, welches dunkel, scharfkantig und drohend am Horizont auftürmt. Der Anblick des finsteren Gesteins erfüllt mich mit Furcht.
Ich will dort nicht hin!
Dort ist etwas, vor dem ich mich aus tiefster Seele fürchte. Etwas, das mich vielleicht Teilen von mir gegenüberstellt, denen ich unter keinen Umständen begegnen möchte. Vielmehr möchte ich nicht einmal erfahren, dass es solche Seiten gibt.
Durch diesen zeitlosen Raum fliegend gelange ich in einen psychischen Zwitterzustand. Einerseits sehe und betrachte ich alles ganz klar, was mit mir geschieht, andererseits fühle ich mich wie durch eine dicke Glasscheibe vom Leben getrennt.
Auf einer ganz anderen Ebene ist es ganz gleichgültig, was noch kommen wird.
Immer näher kommen die Berge. Durch winzige Anzeichen, die nicht näher Benennbar sind, wird klar, dass sich der Flug seinem Ende nähert.
Wir sinken tiefer. In der Nähe eines alten versteinerten Baumes lande wir. Der Geflügelte schaut mich noch einmal an, nickt mit dem Kopf und sagt: "Der Traum fliegt wie der Rabe. Aber es gibt keinen Unterschied zwischen Traum und Wachen. Achte darauf, dass du aus deinen Träumen wieder erwachst und nicht in ihnen gefangen bleibst."
Mit diesen Worten dreht er sich um, entfaltet die Schwingen, erzeugt wieder einen kleinen Sturm und entschwindet ohne Erklärung dessen, was er mit seinen rätselhaften Worten meint.
Ratlos bleibe ich zurück. Was kann er nur gemeint haben?
Was es auch immer gewesen sein mag, es gibt keine Antwort auf meine Fragen.
Die Erschöpfung nimmt überhand. Zuviel ist geschehen. Der Körper verlang sein Recht. Ich lege mich unter den versteinerten Baum und bin schon mit den nächsten Atemzug eingeschlafen.
Wir sitzen einander gegenüber. Schauen uns in die Augen und spüren die Nähe des anderen. Alles was außerhalb von uns ist, hat aufgehört zu sein.
Nichts ist mehr da.
Hat es jemals etwas gegeben, bevor wir uns fanden? Wer kann es wissen? Sinnlos die Frage, auf die es keine Antwort geben kann. Zu Anfang haben wir noch das Gesicht des Gegenübers gesehen, doch jetzt ist das Gesichtsfeld eingeschränkter als jemals zuvor. Nur die Augen werden noch gesehen. Jetzt sind es nur noch die Pupillen. Schwärze. Undurchdringlich, alles verschlingend und doch lebendig, füllt das gesamte Gesichtsfeld aus.
Unfähig zu sprechen, wie wir es sind, lassen wir unsere Gedanken Gestalt annehmen, die sich als Bilder in der Finsternis der Pupillen, schwerelos schwebend wiederfinden.
Wessen Bilder zuerst wahrgenommen werden ist unwichtig, hat kein Gewicht. Ist auch nicht mehr feststellbar. Denn, entstanden in den Augen des Einen, wahrgenommen durch die Augen des Anderen, spiegeln sich die Bilder unendlich, bis keiner mehr weiß, ob er die Gedanken des Gegenübers sieht, oder die Reflexionen seiner eigenen Gedanken.

Am Anfang noch Schemenhaft manifestieren sich die Bilder zu lebenden Szenen. Zu Erlebnissen und Träume werden zur Wirklichkeit. Haben endlich des Schritt über den Abgrund der Illusion gewagt. Haben überwunden, was es doch gar nicht gibt, jeden jedoch umschlungen hält in einem Kokon der Lügen.

...fast noch ein Kind scheint die Gestalt zu sein, welche aus dem finsteren Tunnel des Auges tritt und sich suchend umblickt.
Bekleidet mit einer schwarzen Tunika, engen schwarzen Hosen und glänzenden, ebenfalls schwarzen Stiefeln, sind bis jetzt nur das Gesicht und die Hände sichtbar.
Langsam, fast widerwillig materialisiert sich nun eine Landschaft um den Jüngling herum, was diesen zu beruhigen scheint. Noch einmal reibt er sich die Augen, so, als wäre er gerade erst aus einem Traum erwacht und finde sich in der Welt noch nicht zurecht. Doch jetzt kennt er sich wieder aus!
Alles war wie immer.
Wie könnte es auch anders sein? Die Welt ist doch immer da. Ob er nun wach ist oder nicht.
Über sich den den blauen, wolkenlosen Himmel, unter sich die braune, noch etwas feuchte Erde, fühlt er sich völlig sicher und geborgen. Was war das doch für ein seltsamer, erschreckender Traum? Bilder die sich in Augen reflektieren. Ein Welt die es nicht mehr gab? So ein Unsinn!
Träume. Wer braucht sie schon?
Niemand!
An ihnen ist nichts Wirkliches!
Seine wenigen Habseligkeiten sind schnell verstaut und er macht sich auf den Weg. Wohin es gehen soll, weiß er noch nicht. Kein Ziel hat er gewählt. Außer man sieht es als Ziel an, sich selbst zu suchen.
Ein kurzes Stück Wegs liegt noch vor ihm, bis er die Stadt erreicht hat. Niemand hindert ihn am Betreten der Stadt. Niemand fragt ihn etwas. Niemand schein ihn zu bemerken.
Heute ist Markttag. Er gedenkt seine Vorräte aufzufrischen. Ein Stand mit frischen Broten zieht ihn gleichsam magisch an. Wie lange it es her, dass er das letzte Mal frisches Brot gegessen hat? Er weiß es nicht mehr. Ist ja auch unwichtig!
Schnell ist der Stand des Bäckers erreicht. Der junge nimmt ein Brot und wirft eine Münze auf die Bretter, die hier als Theke dienen. Der Bäcker nimmt wie unbeteiligt das Geld und beachtet den Jungen nicht einmal.
Leicht befremdet wendet sich der Junge von dem Stand ab und Zuckt mit den Achseln. Vielleicht ist es hier nicht üblich mit Fremden zu sprechen. Oder der Bäcker ist kein sehr geselliger Mensch. Außerdem kennt er weder den den Bäcker, noch die Sitten in dieser Stadt.
Ein drückendes Schweigen liegt auf dem Marktplatz. Ein jeder bewegt sich wie in Trance. Aber da fällt dem Besucher nicht auf. Er ist fasziniert von den Farben, den Gerüchen und den vielen, ihm fremden Waren, die hier zum Verkauf stehen.
Doch ganz tief in ihm regt sich ein Gefühl des Unwohlseins. Ein seltsames, nicht näher definierbares Kribbeln ist es, was ihn unruhig werden lässt.
Was stimmt hier nicht?
Was stimmt mit ihm nicht?
Gegen seinen Willen beginnt er sich zu fragen, was hier eigentlich los ist. Kommt aber zu keinem Ergebnis. Völlig versunken in Gedanken, wie er es nun ist, schreckt er furchtbar zusammen, als er plötzlich eine fremde Hand in der seinen spürt, die ihn kraftvoll aus der Menge zieht.
Jetzt wird ihm bewusst, dies ist das erste Mal solange er in der Stadt weilt, dass jemand ihn, absichtlich oder unabsichtlich, berührt hat.
Nichteinmal im dichtesten Gewühl ist er berührt worden.
Gebannt starrt er auf die Hand, welche die seine umschlossen hält. Langsam lässt er den Blick den Arm hinauf wandern, betrachtet die Gestalt die ihn führt, ohne ihn anzusehen. Oder auch nur einen Versuch zu machen, mit ihm zu sprechen.
Es ist eine Frau. Langes schwarzes Haar fließt um ihre Schultern und sie ist sehr schlank. Ihr Gesicht ist nicht zu sehen. Sie hat es abgewendet. Ohne Widerstand zu leisten, lässt sich der Jüngling von der völlig in Blau gekleideten Frau führen.
Es ist keine Zeit zu fragen. Wie von selbst schließen sich seine Augen und Tränen laufen seine Wangen hinab. Er weiß nicht warum, aber er weint wie ein Kind.
Endlich ist er angekommen.
Hier ist er und hier ist sie. Sie betreten ein kleines Haus und blicken sich an. Es ist Liebe, was aus ihnen spricht. Sie geben sich ihre Körper und erreichen Höhen, die selbst den Göttern verschlossen sind.
Sie schauen sich in die Augen...
Wieder und wieder spielt sich die gleiche Szene ab. Bilder materialisieren sich in den Augen des Einen und scheinen lebendig zu werden. Dem Träumer fällt es nicht auf, dass er in einem sich selbst nachahmenden Traum gefangen ist.
Nur ein Gefühl regt sich schwach in ihm und wispert: "Pass auf! Verliere dich nicht."
Nach endlosen Wiederholungen des Traumes, gewinnt dieses Gefühl schließlich an Stärke. Lässt den Träumer merken, dass etwas nicht Stimmt.
Doch wie soll er sich befreien? Wie entkommen aus dem Traum, der sein Leben geworden ist?
Allmählich reift eine Vorstellung in ihm. Wenn er nun nicht in die Stadt ginge, sondern dem Baum ginge, der irgendetwas mit dieser Geschichte zu tun hat, und dort auf das Erwachen des Träumers wartete?
Bei der nächsten Materialisierung ist er bereit, das Experiment zu wagen. Er tritt aus dem Tunnel des Auges, schaut sich um und steht vor dem versteinerten Baum. Anstatt sich nun von ihm fort zu bewegen, bleibt er stehen, geht mehrfach um den Baum herum und erkennt schließlich einen kaum wahrnehmbaren Schatten, der sich langsam zu einer menschlichen Gestalt verdichtet.
Dort liegt er der Träumer und träumt sich selbst zu sehen. Die Gestalt des Geträumten verblasst in dem gleichen Maße, wie der Träumer zu erwachen beginnt.
Als der Liegende die Augen öffnet, ist nichts mehr von der Gestalt zu sehen, von welcher er träumte.

...ich bin benommen, fasse mich an den Kopf, als ich erwache. Ein endlos scheinender, schrecklicher Traum, den ich gerade erlebte. Noch nie war ein Traumgeschehen so real und greifbar wie das, was ich gerade durchlebte. Blicke mich um und erkenne, nichts hat sich äußerlich geändert. Irgendwie beruhigt mich das, auch wenn es nichts an der Trostlosigkeit meiner Situation ändert.
Endlich entschließe ich mich, diesen Ort zu verlassen. Nicht weit entfernt vom Baum befindet sich eine staubige Straße. Irgendwo wird sie mich hinführen.
Einsam wie eine Wolke wandere ich diese schmutzige Straße entlang. Mit will es so scheinen, als wolle die Straße kein Ende nehmen.
Nach vielen Stunden des Wanderns komme ich an die Tore einer Stadt.
Sie kommt mir seltsam vertraut vor. Ich kann aber nicht benennen, woher das Gefühl des Erkennens kommt. Ich trete durch die Tore der Stadt. Niemand hält mich auf, oder fragt mich nach dem woher und wohin.
Schlendernd gelange ich auf einen Platz, auf dem gerade ein Markt stattfindet. Fasziniert wandere ich zwischen den Ständen umher, als mir klar wird, dass alles von einer eisigen Stille umhüllt ist.
Niemand spricht. Es scheint, als seien sogar die Füße der Menschen gepolstert, damit sie keine Geräusche produzieren.
Was ist los hier?
Was stimmt nicht an diesem Szenario?
Zum ersten Male sehe ich Menschen, doch sie scheinen wie durch einen Traum zu wandeln.
Ich schrecke fürchterlich zusammen, als ich eine leise Stimme höre, die säuselt: "Wach auf Träumer, wach auf. Wir müssen zum Ballhaus."


© 1988 by FSH

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Über mich

Mein Bild
Ich bin ein enthusiastischer Misantrop und Agniologe.